Ein heißer Tag – Mit „Flying Hope“ aus Kassel zu Löwenherz

Es ist ein heißer Sommertag. Langsam rollt unser Wagen auf den Sportflughafen in Kassel-Calden am Stadtrand. Warmer Wind dringt zu uns herein, als sich die Fahrzeugtüren öffnen. Ich liege auf der Trage und schaue an die Decke. Ich bin elf Jahre alt. Seit meinem Unfall vor sechs Jahren bin ich schon oft im Krankenwagen gefahren - meist kurze Strecken ins Krankenhaus oder zu Untersuchungen. Mit dem Korsett, das meinen Rücken und meinen Kopf stützt, kann ich auch eine Weile sitzen, aber lange Strecken sind für mich sehr anstrengend, weil ich mich nicht mehr bewegen kann. Vom Hals abwärts bin ich gelähmt. Ich kann nicht mehr sprechen und schlucken und ich werde künstlich beatmet. Ansonsten geht es mir gut. Heute war die Fahrt im Krankenwagen zum Glück wieder nur kurz - bis zum Flughafen. Denn den größten Teil der Strecke werden wir gleich fliegen.

Die Piloten von Flying Hope kennen wir schon vom letzten Jahr. Frank Kasparek und Tom Link haben uns auch im vergangenen Frühjahr zu einem Aufenthalt in das Kinderhospiz Löwenherz geflogen. Darum ist die Begrüßung herzlich, die Atmosphäre vertraut. Mein Papa und meine Krankenschwester schaffen unser Gepäck ins Flugzeug und dann trägt Papa mich die schmalen Stufen hoch in die Cessna. Die anderen helfen ihm, damit wir beim Hochsteigen nicht abrutschen. Im Innenraum der Propellermaschine ist es nicht viel größer als in unserem VW-Bus. Mit dem haben wir schon vor ein paar Wochen ausprobiert, welche Kissen, Lagerungshilfen und Geräte wir brauchen, damit ich auch ohne meinen Rollstuhl im Flugzeug für etwa eine Stunde sitzen kann. Weil ich den Krach, den die Maschine macht aber nicht mag, bekomme ich wieder einen richtigen Pilotenkopfhörer. Damit geht es mir besser – und es sieht sau cool aus.

Nachdem alles an seinem Platz ist und wir angeschnallt sind, rollen wir auf die Startbahn. Nur die Sonne ist zwischenzeitlich hinter einem grauen Schleier verschwunden. Als wir starten, erheben sich vor uns dunkle Gewitterwolken. Wir drehen bei in Richtung Norden und hoffen die Gewitterzelle bald hinter uns zu lassen. Aber das Wetter ist großräumig umgeschlagen und auf dem Bordradar zeigen sich immer wieder rote und gelbe Flecken, die den nächsten starken Regenschauer ankündigen. Der Flug wird turbulent. Immer wieder werden wir durch Wind und Thermik durch-geschüttelt, während der Regen auf uns nieder trommelt. Das ist nicht schön - aber es geht sehr viel schneller als stundenlang auf der Trage eines Krankenwagens durch Schlaglöcher, Bodenwellen und Spurrinnen zu schaukeln.

Trotz anhaltend starkem Regen landet die kleine Cessna ruhig und sicher auf dem Flughafen Bremen und ein Krankenwagen bringt uns die letzten Kilometer bis zum Löwenherz, wo wir bereits erwartet werden. Längst habe ich mein Zimmer bezogen und mich von Fahrt und Flug erholt als meine Mama und meine beiden kleinen Schwestern Stunden später ebenfalls ankommen. Durch den starken Regen war die Autobahn schwer befahrbar. Staus und Umleitungen haben Ihre Fahrt immer wieder verzögert. - Wie gut, dass ich fliegen durfte! Der Rückflug zwei Wochen später verläuft ruhig. Das gleiche Flugzeug, die gleichen Piloten und ein entspannter Flug zwischen beeindruckend, strahlend weißen Wolkenbergen. Nur die Dankbarkeit ist weiter gewachsen, dafür dass Ihr Eure Zeit, Euer Können und Eure Erfahrung einsetzt, um mir meinen Weg zu erleichtern.

Danke Flying Hope!!!
Jascha Behrendt