
Kinderhospiz "Löwenherz" wird kommende Woche eröffnet / Der schwerkranke Dominik zählt zu den ersten Gästen
Von Gabriele Schulte
Syke/Rotenburg - Helles Holz, ganz viel Glas, die Wände freundlich gelb und lindgrün. Die Zimmer sind sechs- oder achteckig, der Speisesaal hat einen halbrund gemauerten Kamin, es gibt einen Whirlpool und einen großen Garten. Das dreiflügelige "Löwenherz"-Gebäude am Ortsrand von Syke (Kreis Diepholz) sieht wie ein besonders einladendes und doch normales Gästehaus aus. Wenn da nicht der Abschiedsraum wäre. Der ist in hellem Lila gehalten, liegt mit einem kleinen Kapellenvorbau am Ende eines Flurs und lässt sich zum Aufbahren von Leichen herunterkühlen.
"Dies ist ein Haus zum Lachen und zum Weinen", sagt Gaby Letzing. Die 43-Jährige ist Initiatorin und Leiterin des ersten niedersächsischen Kinderhospizes. Es wird nach fünf Jahren Planungs- und Geldeinwerbezeit am Sonnabend kommender Woche eröffnet. Im Unterschied zu Hospizen für Erwachsene bezieht sich das Angebot des "Löwenherz"-Vereins nicht nur auf die Zeit des Sterbens. Jeweils acht Kinder, die einer schweren Krankheit wegen nicht lange zu leben haben, können in Syke bis zu zweimal zwei Wochen im Jahr so etwas wie Ferien machen.
Ferien werden diese Wochen auch für ihre Eltern und Geschwister bedeuten. Für sie wurde im ersten Stock ein eigener Wohnbereich eingerichtet. Während die Mütter und Väter hier Erfahrungen austauschen und sich auch einmal stärker und um ihre gesunden Söhne und Töchter kümmern können, übernehmen professionelle Pfleger das aufwendige Füttern, Baden und Wickeln der Kranken, und ehrenamtliche Helfer organisieren Ausflüge oder fahren die Kinder im Rollstuhl spazieren. Ein Wahrnehmungsraum mit Lichtspielen und einem Wasserbett, das Musik erspüren lässt, soll die gesunden Besucher entspannen und jene Kranken anregen, die nur noch auf starke Reize reagieren.
Zu den ersten Bewohnern auf Zeit wird Dominik zählen. Der Fünfjährige lebt in der Nähe von Rotenburg/Wümme. Seine Pflegemutter Kerstin Schulz hat ihm im Wohnzimmer über einer Krabbelecke ein Babytrapez mit Glöckchen und Rasseln aufgebaut. Denn wegen einer Gehirnblutung nach der Geburt hat Dominik nicht mehr Fertigkeiten als ein drei Monate alter Säugling entwickelt. Saugen allerdings kann er nicht mehr, nur noch schlucken; stundenlang dauert deshalb das Flaschegeben. Ein Medikament gegen seine epileptischen Anfälle habe diese Nebenwirkungen gehabt, erzählt Kerstin Schulz. "Wir hatten das Saugen jahrelang trainiert, damit Dominik keine Magensonde braucht, dreimal in einer Reha-Klinik. Und jetzt dieser Rückschlag."
Die 41-Jährige, die noch drei ältere eigene Kinder hat, herzt Dominik und stellt eine CD für ihn an. "So nimm denn meine Hände" - laut schallende Choräle mag der fast blinde Junge am liebsten. Er lacht. Und er strahlt noch mehr, als seine große Schwester ins Wohnzimmer kommt und ihn auch in den Arm nimmt. Die christlich ausgerichtete Familie hat sich daran gewöhnt, dass sich fast alles um den kleinen Kranken dreht und dass es nur schwer möglich ist, gemeinsam etwas zu unternehmen. Seit Kerstin Schulz vor drei Jahren erstmals von den Hospizplänen des "Löwenherz"-Vereins rund um die engagierte Kinderkrankenschwester Gaby Letzing hörte, freut sie sich darauf, in Syke zeitweise Entlastung zu finden. So gehört Familie Schulz, längst Vereinsmitglied, auch zu den 16 für die erste Zeit fest angemeldeten Familien. Anders als Dominik leiden die meisten der sterbenskranken Kinder an einer schweren Stoffwechselstörung.
21 fest Angestellte, darunter 13 Pflegekräfte, werden sich in dem Neubau am Waldrand um sie kümmern. Es ist das sechste Kinderhospiz in Deutschland nach Olpe und Gelsenkirchen in Westfalen, Wiesbaden, Hamburg, und Berlin. Erstmals bezahlen die Krankenkassen sowohl die Kurzzeitpflege als auch den eigentlichen Hospizdienst - die Zeit, in der die Kinder im Kreis der Familie zum Sterben nach Syke kommen. Die Hälfte der 400.000 Euro Kosten pro Jahr muss allerdings über Spenden aufgebracht werden, unter anderem das Geld für den - freiwilligen - Aufenthalt der Eltern und Geschwister. An dem 1,9 Millionen Euro teuren Bau hat sich das Land mit 750.000 Euro beteiligt.
Kerstin Schulz will nur die ersten zwei Tage in Syke bleiben. "Dann lass´ ich Dominik einfach da", sagt sie, mit Wehmut und auch mit Erleichterung in der Stimme. Sie und ihr Mann wollen dann endlich einmal Freunde in Bayern besuchen. Und sich nach den zwei "Löwenherz"-Wochen der Pflege des Jungen mit neuer Kraft widmen.
