Ein Ort, der Eltern Kraft gibt

Kinderhospiz öffnet seine Pforten
Von Michaela Grau

Diepholz - Mit einem schwerst kranken Kind zu leben konnte Bettina Zander sich nie vorstellen - bis ihr Sohn Mika mit einem schweren Herzfehler geboren wurde. Bei einer Operation verlor der heute zweieinhalbjährige Junge zudem 80 Prozent seiner Gehirnzellen, als er wieder belebt werden musste. Seither ist die Mutter rund um die Uhr für ihn im Einsatz und oft genug am Ende ihrer Kräfte.
Für Familien wie die Zanders wird am Samstag in Syke bei Bremen das "Kinderhospiz Löwenherz" eingeweiht. Der Name ist aus dem Roman "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren über ein todkrankes Kind entlehnt. Für die gelernte Kinderkrankenschwester und künftige Hospiz-Leiterin Gaby Letzing (42) hat er aber noch eine weitere Bedeutung: "Die Eltern unheilbar kranker Kinder kommen mir oft vor wie Löwen, die mit löwenmäßigen Kräften ihr Kind verteidigen und stark sind. Damit sie weiter stark bleiben, bieten wir ihnen Unterstützung an."
Etwa ein halbes Dutzend Kinderhospize gibt es bereits in Deutschland, so im westfälischen Olpe, in Berlin, Hamburg und Wiesbaden. Rund 15.000 unheilbar kranke Kinder leben in der Bundesrepublik. Für vier Wochen können betroffene Eltern in Syke mit der ganzen Familie künftig ins Hospiz kommen und sich ein bisschen erholen. In Syke finden sie geschultes Personal, das auf die Bedürfnisse todkranker Kinder eingehen kann. Die Eltern haben dann auch einmal Zeit für die oft vernachlässigten Geschwister.
Acht Plätze für Kinder stehen zur Verfügung. Ein Arzt muss bescheinigen, dass sie eine "lebens-limitierende Erkrankung" haben. So wie Mika Zander. Alle in der Familie wissen, dass Mika nie wieder gesund werden wird. Er liegt in einer "Reha-Karre" und kann gerade die Augen und den Kopf ein wenig bewegen. Die Mutter weiß nicht, ob er sie sehen kann. Jedenfalls kann er sie nicht mit den Augen fixieren. Oft trägt ihn die 35-Jährige auf den Armen, was bei dem immer schwerer werdenden Jungen viel Kraft fordert.
Täglich kommt eine Krankenschwester oder Krankengymnastin, um Mika zu fördern. Dann macht er unter anderem Dehnübungen oder Atemtherapie. Dadurch hat Mika sich stabilisiert: Er weint nicht mehr so oft. Und er schläft nachts meistens durch. Niemals würde ihn Bettina Zander in ein Heim geben, sagt sie: "Weil ich so eine wahnsinnige Verbundenheit mit ihm habe." Die Alternative dazu ist für sie das Kinderhospiz: "Damit wir einmal auftanken können."
Das Hospiz, das vom Bundesgesundheitsministerium und vom Land Niedersachsen als Modellprojekt gefördert wird, soll kein Sterbehaus sein, sagt Leiterin Letzing. "Kinder wollen leben. Sie wollen Spaß haben und keine Trauergeschichten hören." In Syke können sie im Garten spielen, im Wasser herumtollen um am Lagerfeuer sitzen. Ein "Snoozle-Raum" mit Farben und Tönen soll die Sinne der Kinder anregen. Und dennoch ist das Haus auf das Sterben eingestellt: "Wir sind ein Ort, der mit Leben und Tod bewusst umgeht", sagt Gaby Letzing.