
Erstes Kinderhospiz Niedersachsens wird heute in Syke eingeweiht / Ab 10. Oktober acht Pflegeplätze
Von Peter Schmidt-Bormann
Syke. "Wenn er mir was sagen will, dann krampft er die Hände fest zusammen oder schreit ganz laut. Das hat er wieder gelernt", erzählt Bettina Zander und drückt ihren zweieinhalbjährigen Sohn Mika fest an ihre linke Wange. Die beiden haben sich gestern schon mal im neuen Kinderhospiz Löwenherz in Syke umgeschaut, das heute - am Weltkindertag - eingeweiht wird.
Mika kam mit einem schweren Herzfehler auf die Welt. Als er viereinhalb Monate alt war, wurde er operiert. Sieben Stunden nach dem Eingriff hatte er einen Herzstillstand und musste wieder belebt werden. "Aber durch die Sauerstoffunterversorgung verlor er rund 80 Prozent seiner Gehirnzellen", erzählt die Mutter. Sie ist seither rund um die Uhr für ihn im Einsatz - und oft genug am Ende ihrer Kräfte. "Er lebt in einer Art Wachkoma", sagt Bettina Zander. Im November will sie mit Mika eine Woche lang im neuen Kinderhospiz Löwenherz Kraft tanken. Vielleicht kommen dann auch der achtjährige Sohn Luca und die neunjährige Tochter Jule mit. Die beiden kommen laut Mutter "ganz gut mit der Situation klar, dass ich mich viel um den Kleinen kümmern muss".
Für Familien wie die Zanders ist das neue Gebäude am südlichen Stadtrand von Syke gedacht. Es ist die erste Einrichtung dieser Art in Niedersachsen. Der Name ist dem Roman "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren entlehnt. Er handelt von einem todkranken Kind. Für die gelernte Kinderkrankenschwester und künftige Hospiz-Leiterin Gaby Letzing hat "Löwenherz" noch eine andere Bedeutung: "Die Eltern unheilbar kranker Kinder kommen mir oft vor wie Löwen, die ihr Kind verteidigen und dabei sehr stark sind. Damit sie stark bleiben, bieten wir ihnen Unterstützung an."
Für maximal vier Wochen können betroffene Eltern mit der ganzen Familie ins Hospiz kommen und sich vom Pflegestress erholen. In Syke finden sie geschultes Personal, das auf die Bedürfnisse todkranker Kinder eingehen kann: 21 Vollzeitkräfte und 80 Ehrenamtliche. Die Eltern haben dann auch einmal Zeit für die oft vernachlässigten Geschwister. Für Familien gibt es im Obergeschoss acht kleine Appartements und eine Gemeinschaftsküche, die wegen ihres gläsernen Daches "Himmelsturm" heißt. "Der Sonne ganz nah", sagt Letzing.
Acht Plätze für Kinder stehen im Pflegebereich zur Verfügung. Ein Arzt muss bescheinigen, dass sie eine "lebenslimitierende Erkrankung" haben. So wie Mika Zander, der nie wieder gesund wird. Zu Hause kommt eine Krankenschwester oder Krankengymnastin, um mit ihm Dehnübungen oder Atemtherapie zu machen. Kleine Erfolge: Er weint nicht mehr so oft und schläft nachts meistens durch. Niemals würde ihn Bettina Zander ihn ein Heim geben. Aber das Kinderhospiz wäre dazu eine zeitlich begrenzte Alternative, "damit wir einmal auftanken können".
Angemeldet haben sich für die ersten drei Monate 16 Familien. Der Betrieb soll am 10. Oktober aufgenommen werden.
Die Schirmherrschaft für das heutige Einweihungsfest hat die Schauspielerin Jeanette Rauch übernommen. "Ich habe in meiner Kindheit zwei kleine Brüder verloren, und meine Schwester hat mehr als drei Jahre im Krankenhaus zugebracht. Ich weiß, was es heißt, als Geschwisterkind mit seiner Trauer allein zu sein, weil die Eltern rund um die Uhr beschäftigt sind", erzählt sie beim Rundgang durch das Haus.
