
NDR Fernsehen 01.11.2006
Menschen und Schlagzeilen
Bei Lena muss alles ganz langsam gehen. Im Kinderhospiz Löwenherz in Syke bei Bremen kümmert sich gerade Kinderkrankenschwester Hildegard Timmermann um sie. Lena ist mehrfach behindert. Sie kann nicht sehen und hat schwere Hirnschäden. Die Pfleger haben mittlerweile Wege gefunden sie trotzdem zu erreichen. Schwester Hildgard weiß: „Sie mag es besonders gern, wenn wir ihre Handflächen streicheln.“
Familien sollen gestärkt werden
Lena ist vier Jahre alt und auf dem Stand eines neugeborenen Kindes. Die Ursache dafür ist unbekannt. Sicher ist, dass sie sterben muss – nicht heute, nicht diese Woche, aber früher als ein gesunder Mensch. Die Leiterin des Kinderhospiz Löwenherz, Gaby Letzing, erklärt die Arbeit des Hospizes: „Die Kinder kommen ins Hospiz und gehen dann wieder nach Hause. Unser Ziel ist es, die Familien zu stärken, so dass sie auf dem Weg des Abschiednehmens von uns Unterstützung erhalten.“ Lenas Eltern schlafen selten einmal aus. Im Kinderhospiz können sie – was im Alltag nicht geht – Verantwortung abgeben und wissen, dass Lena trotzdem gut aufgehoben ist.
„Krank sein ist hier normal“
Die Mutter, Nicole Nordlohne, sagt: „Man ist ja auch stolz auf sein Kind und findet es schön. Unsere Lena ist einfach einzigartig und das soll auch beachtet werden.“ Im Löwenherz wird Lena beachtet – und wie ein normales Kind wahrgenommen. Denn krank sein ist hier normal. Aber zuzulassen, dass sich andere um Lena kümmern – das war für ihre Eltern ein Lernprozess. Nicole Nordlohne: „Am Anfang ist mir das total schwer gefallen. Man kann ja so ein Kind gar nicht sofort loslassen, man hat Angst das ihr etwas Schlechtes passieren könnte.“ Gaby Letzing kennt diese Sorge: „Hier ist es so, dass Eltern ein Stück weit die Pflege abgeben können. Und dadurch entstehen dann Freiräume für die Eltern. Sie haben dadurch die Chance in Ruhe zu reflektieren, in welcher Lebenssituation sie sich eigentlich befinden.“ Für Lenas Schwester, die siebenjährige Hannah, bedeutet das Leid der Schwester vor allem, dass sie früh selbstständig werden muss. Ihr Vater Rainer Nordlohne sagt: „Sie behauptet auch teilweise, Lena wäre gar nicht behindert. Für Hannah ist Lena einfach die kleinere Schwester, die nicht allzu viel kann.“ Was Lena gut tut, weiß er genau: „Sie findet Baden toll, weil sie da total entspannt ist. Man merkt hier wie gut ihr das tut, sie ist total locker.“
„Es gibt hier sehr viel Lachen“
Leiterin Gaby Letzing kennt die Bedürfnisse der Familien: „Unser Auftrag ist es ja nicht, zu heilen. Das macht manchmal traurig. Aber man muss es akzeptieren. Den einzigen Auftrag, den wir uns setzen ist, dass die Kinder eine schöne Zeit haben.“ Die Zeit im Kinderhospiz ist kostbar. Was für andere Familien der Urlaub ist, ist für Lena und ihre Familie der Besuch im Löwenherz. Auch Nicole Nordlohne weiß das sehr zu schätzen: „Man merkt immer erst, wenn man Lena abgeben hat, wie viel Kraft ihre Krankheit im Alltag kostet und wie viel Leere man die ganze Zeit in sich trägt.“ Aber das Kinderhospiz ist kein trauriger Ort. Gaby Letzing: „Es gibt hier sehr viel Lachen. Und ich glaube, dass Familien, die so sehr an der Existenzgrenze sind, hier einmal die Möglichkeit haben, sich darauf zu konzentrieren, was ihnen Freude bereitet.“
Für jedes Kind das im Löwenherz gepflegt wird, hängt man einen gebastelten Schmetterling auf. Nicole Nordlohne ist von dieser Idee angetan: „Bei der Abschiedszeremonie wird der Schmetterling an einen Luftballon gebunden und in den Himmel geschickt. Er ist eben ein Symbol – für das Leben, aber auch für das Sterben im Hospiz.“ Bericht: Norbert Lübbers
