
Stadtsnack – Online 20. Oktober 2006
Syke - Für den Banker Thomas Rohwer-Kahlmann (48) aus Bremen war es ein Sprung ins kalte Wasser, wie er es bezeichnet: "Ich hatte bisher keine Berührungspunkte oder
Erfahrungen mit schwerkranken Kindern - und völlig falsche Vorstellungen von einem Kinderhospiz". Dennoch entschloss sich der Leiter des Vorstandssekretariats der Bremer Sparkasse zu einem Seitenwechsel, um eine Woche im Kinderhospiz Löwenherz mitzuarbeiten. Seine Bilanz nach dieser Zeit: "Ich würde am liebsten weitermachen - jetzt, wo ich so einen guten Kontakt zu den Kindern habe".
Das Projekt "Seitenwechsel" hat das Ziel, Beschäftige aus der Wirtschaft für eine Woche in eine soziale Einrichtung zu vermitteln, damit sie neue - und ganz andere - Erfahrungen als in ihrem bisherigen Aufgabenbereich erhalten. Diese Erfahrungen sollen ihnen dann nach der Rückhehr an ihren Arbeitsplatz helfen, Probleme mit anderen Augen zu sehen und an sie heranzugehen.
"Es war für mich ein positiver Kulturschock, als ich hier hereingekommen bin", beschreibt Thomas Rohwer-Kahlmann seinen ersten Eindruck: "Es ist ein Haus voller Freude, es wird gelacht - obwohl es auch die andere Seite gibt. Man glaubt, es müsste eine gedrückte Stimmung herrschen, aber das Gegenteil ist der Fall. Es geht hier ganz viel ums Leben und erst in zweiter Linie ums Sterben". Auch mit den Eltern habe er über Grenzsituationen gesprochen.
Er sei den Pflegekräften "treu und brav hinterher getrottet", habe den Kindern vorgelesen, ging mit ihnen reiten, half beim Windeln wechseln oder wo sonst Hilfe nötig war. "Ich habe gesehen, wie viel Leben in den schwerkranken Kindern ist - selbst wenn sie 24 Stunden an der Beatmung hängen", beschreibt der "Seitenwechsler" seine Eindrücke. "Schon nach kurzer Zeit habe ich die Kinder in mein Herz geschlossen". Eine Beschäftigung, die er spannender findet als die Arbeit in der Bank: "Es ist wesentlich trockener Protokolle von Sitzungen zu schreiben oder Versammlungen zu organisieren".
Der Bankjurist und Bankkaufmann ist nach seiner Schnupperwoche so begeistert, dass er auch anderen einen solchen "Seitenwechsel" an Herz legen möchte. "Ich würde das auf jeden Fall weiterempfehlen, denn hier wird der Hospizgedanke gelebt". Und noch etwas hat dem Bremer Banker gefallen: "Es war schön, sich hier wieder als Schüler zu fühlen. Das hat Spaß gemacht".
Gaby Letzing, die Leiterin des Kinderhospizes, war erfreut darüber wie viel Interesse und Offenheit der "Seitenwechsler" mitbrachte und sich von den Kindern berühren ließ. "Wir und auch die Eltern sind sehr beeindruckt, dass ein Mensch wie Thomas Rohwer-Kahlmann, der normalerweise in der Bank seinen Geschäften nachgeht, so viel Interesse und Freude an den schwerkranken Kindern und der Situation der Familien mitbringt".
Mit dem Projekt Seitenwechsler begegneten sich zwei Welten, die manchmal sehr weit von einander entfernt scheinen: Die Welt der Wirtschaft und die Welt der sozialen Arbeit, so Gaby Letzing. "Und hier bei Löwenherz war es dann eine Begegnung von Mensch zu Mensch".

Das Kinderhospiz Löwenherz in Syke (Kreis Diepholz) ist das einzige seiner Art in Niedersachsen und Bremen. Es hat acht Plätze für schwerstkranke Kinder sowie deren Eltern und Geschwister. Bis zu 150 Familien können hier pro Jahr zu Gast sein.
Aufgenommen werden Kinder mit tödlich verlaufenden Krankheiten, bei denen eine Heilung nach dem heutigen Stand der Medizin ausgeschlossen ist. Dazu gehören Herzerkrankungen, Stoffwechselstörungen, schwere angeborene Fehlbildungen, Hirnschäden, Chromosomenerkrankungen, Krebs oder bleibende Schäden nach einem Unfall. Der laufende Betrieb wird zur Hälfte durch Spenden finanziert.
