Ein schwieriger Spagat

Kontroverse Löwenherz-Diskussion zur Qualifizierten Leichenschau

Bremen - „Wem gehört der Tote?“ Diese Frage hatte das Kinderhospiz Löwenherz mit Blick auf die Qualifizierte Leichenschau gestellt – und am Donnerstagabend von einem prominent besetzten Podium in Bremen diskutieren lassen. Rund 100 Gäste waren der Einladung gefolgt und erlebten unter der Leitung von Moderator Dirk Böhling eine lebhafte Gesprächsrunde, bei der konträre Meinungen aufeinandertrafen und aus dem Publikum teilweise sehr intime Gedanken geteilt wurden.

Zwischen 7000 und 8000 Menschen sterben pro Jahr in Bremen. Sie alle werden seit dem 1. August 2017 im Rahmen der Qualifizierten Leichenschau zusätzlich von einem Rechtsmediziner untersucht – um falsch ausgestellte Totenscheine zu vermeiden und mögliche unnatürliche Todesursachen aufzudecken. Erst dann wird der Verstorbene für die Bestattung freigegeben und der Totenschein kann ausgestellt werden. Nach knapp zwei Jahren Praxiserfahrung stellt sich nun die Frage nach dem Für und Wider dieses Gesetzes. Denn Löwenherz macht sich für gesunde Abschiedsprozesse stark – und stellte daher die Frage, was die Qualifizierte Leichenschau für die Trauerarbeit bedeutet, so Gaby Letzing, Geschäftsführerin des Kinderhospiz Löwenherz.

Karoline Linnert, Finanzsenatorin und Bürgermeisterin von Bremen, erläuterte warum ausgerechnet Bremen als erstes Bundesland die Qualifizierte Leichenschau eingeführt hat. Man habe nach intensiven Diskussionen im Senat beschlossen, eine Vorreiterrolle einzunehmen, um die Dunkelziffer unnatürlicher Todesfälle zu reduzieren. Allerdings, so Linnert, sei es natürlich besser, wenn es keine staatlichen Vorschriften geben müsse, aber: „Im Rahmen der Güterabwägung hat Bremen die richtige Entscheidung getroffen.“ Konkrete Evaluationszahlen lägen übrigens noch nicht vor.

Eine Einschätzung, die auch Dr. Olaf Cordes, Institutsdirektor der Rechtsmedizin Gesundheit Nord, teilte. Nachdem er das Prozedere der Qualifizieren Leichenschau erklärt hatte, legte er die aus seiner Sicht positiven Aspekte dar. So seien er und seine Kollegen wesentlich geübter als die Kollegen und Kolleginnen, die für das Ausstellen der Totenscheine zuständig seien. Zudem hätte sich auch gezeigt, dass sich die Qualität der Angaben verbessert hätte. Allerdings hat es in den vergangenen zwei Jahren keinen einzigen Fall gegeben, in dem die Qualifizierte Leichenschau ein nicht entdecktes Tötungsdelikt ans Licht gebracht hat.

Für Trauerbegleiterin Dr. Tanja Brinkmann ein gewichtiger Grund für ihre Forderung, dass es schön und richtig wäre, wenn Bremen auch Vorreiter sei, die Qualifizierte Leichenschau wieder abzuschaffen. „Für die Angehörigen ist es viel besser, wenn einzig der vertraute Hausarzt den Tod und die Ursachen feststellen würde.“ Wahrscheinlich laufe die Qualifizierte Leichenschau zwar in 95 Prozent der Fälle reibungslos, doch in den anderen Fällen können die Folgen dramatisch sein. Das tagelange Warten, die Zweifel und die Unsicherheit belasten die Angehörigen stark.

Unterstützung bekam sie von Bernd Kuschnerus, Schriftführer der Bremischen Ev. Kirche Bremen. Zwar teile er die Meinung, dass es wichtig sei, die genaue Todesursache eines Menschen zu kennen, mindestens ebenso wichtig sei aber auch der Trauerprozess. Zwei Aspekte seien dabei zentral. Es muss ungestörte Zeit zum Abschied nehmen geben, ohne dass die Totenruhe gestört wird; und der Zeitraum zwischen Abschied und Bestattung darf nicht zu lang sein. Insgesamt habe er eine verstärkte Verunsicherung bei den Hinterbliebenen beobachtet, die sich auch mit fehlender Aufklärung erklären lasse.

In diesem Zusammenhang wies Christian Stubbe, Vorsitzender des Bestatterverbands Bremen, darauf hin, dass die Herausgabe der Verstorbenen in den meisten Krankenhäusern gut funktioniere. Problematischer könne es allerdings sein, wenn der Tod im Pflegeheim oder Zuhause eintrete. In der Gesamtbetrachtung müsse die Organisation und Verwaltung verbessert werden. Zudem regte er an, die erste Leichenschau durch die Qualifizierte Leichenschau komplett zu ersetzen.

Und Karoline Linnert gab zu, dass nach den ersten zwei Jahren auch die Verfahren betrachtet werden müssten, die vom Gesetzgeber im Vorfeld möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Sie versprach aber, die gewonnenen Anregungen an ihre Kollegen im Senat weiterzugeben. Kritik aus dem Publikum gab es zudem an den Kosten, die sich nach aktuellem Vorgehen auf knapp 300 Euro pro Todesfall für die Angehörigen belaufen, wie Christian Stubbe aufschlüsselte.

Spenden Mail