Eine Frage der Würde

Wem gehört der Tote? – Podiumsdiskussion zur qualifizierten Leichenschau

Wenn ein Mensch stirbt, möchten sich Angehörige und Freunde von der geliebten Person verabschieden – zeitnah und in Würde. Seit knapp zwei Jahren fordert ein bislang nur im Bundesland Bremen erlassenes Gesetz eine zusätzliche Begutachtung der Toten in der Pathologie. Welche Wirkung hat aber diese Untersuchung, die qualifizierte Leichenschau, auf die Trauernden? Wie wird die Würde der Toten gewahrt? Und hat das Gesetz die Erwartungen überhaupt erfüllt? Diese Fragen sind Mittelpunkt der vom Kinderhospiz Löwenherz organisierten Podiumsdiskussion „Wem gehört der Tote?“ am Dienstag, 2. Juli, um 19 Uhr, im Zukunftssaal an der Heinrichstraße 11 in Bremen.

Zwischen 7000 und 8000 Menschen sterben pro Jahr in Bremen. Sie alle werden seit dem 1. August 2017 im Rahmen der qualifizierten Leichenschau untersucht – um falsch ausgestellte Totenscheine zu vermeiden und mögliche unnatürliche Todesursachen aufzudecken. Ein hehres Ziel, doch nach knapp zwei Jahren Praxiserfahrung stellt sich die Frage nach dem Für und Wider dieses Gesetzes.

„Unangenehm für alle Beteiligten“, so bezeichnet Thekla Röhrs die mögliche Zeitverzögerung bei der qualifizierten Leichenschau, mit der Angehörige in Bremen nach dem Tod eines geliebten Menschen rechnen müssen. Eine mehr als diplomatische Umschreibung für die Zeit, in der ein gesundes Abschiednehmen unterbunden wird. Immer wieder, so die Pastorin und Seelsorgerin, höre sie von Fällen, in denen Leichen für mehrere Tage in der Pathologie liegen – ohne das Wissen der Angehörigen. „Es kommt durchaus vor, dass am Donnerstag oder Freitag in einem Krankenhaus verstorbene Menschen in die Pathologie kommen, dort das ganze Wochenende aber nicht untersucht werden. So kommen schnell drei oder mehr Tage zusammen, an denen die Angehörigen völlig handlungsunfähig sind.“ Einzelfälle? Möglich, entscheidend sei jedoch die generelle Frage, wie die Würde eines Verstorbenen geachtet und ein zeitnahes Abschiednehmen gewährleistet wird.

„Uns macht es betroffen, dass der Trauerprozess der Angehörigen durch die qualifizierte Leichenschau nicht immer angemessen stattfinden kann“, erläutert Gaby Letzing, Vorsitzende vom Kinderhospiz Löwenherz. Es sei wichtig, die Würde des Menschen grundsätzlich zu wahren. Durch die derzeitige Umsetzung des Gesetzes sei dies jedoch nicht der Fall. „Ziel muss es sein, notwendige Anpassungen umzusetzen – darüber möchten wir diskutieren und Veränderungen anregen“, so Letzing weiter. Denn Löwenherz setzt sich für die Würde von Sterbenden und Verstorbenen ein.

Die Wahrung der Menschenwürde nach dem Tod ist auch für Dr. med. Olaf Cordes, Direktor des Bremer Instituts für Rechtsmedizin (IRM), ein zentraler Bestandteil der Arbeit. Und gerade deshalb befürwortet er die qualitative Leichenschau, mit der das IRM betraut wurde. So sei die Leichenschau einer der letzten Dienste an einem Menschen – und der gehöre in fachlich qualifizierte Hände. Ein empathisches und angemessenes Auftreten vorausgesetzt, sei die Durchführung durch einen Rechtsmediziner ein vertretbarer Vorgang.

Im Rahmen der Podiumsdiskussion „Wem gehört der Tote“ (Dienstag, 2. Juli, 19 Uhr, Heinrichstraße 11 in Bremen) soll eine Bestandsaufnahme rund um das Thema „Qualifizierte Leichenschau“ gemacht werden. Auf dem Podium erwartet Moderator Dirk Böhling folgende Gäste: Karoline Linnert, Finanzsenatorin und Bürgermeisterin von Bremen, Olaf Cordes, Direktor des Bremer Instituts für Rechtsmedizin, Bernd Kuschnerus, Schriftführer der Bremischen Ev. Kirche, Christian Stubbe, Vorsitzender des Bestatterverbands Bremen sowie Trauerbegleiterin Tanja Brinkmann. Der Eintritt ist frei.

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