Heimat geben trotz Heimatverlust

Neujahrsempfang in den neuen Räumlichkeiten des Kinderhospiz-Stützpunktes in Bremen Löwenherz

Heimat wie wir sie ursprünglich kennen, gibt es oft nicht mehr. Die Welt ist viel schnelllebiger geworden, globalisierter und multikultureller. Der Gastredner Stephan Ludwig  referiert beim diesjährigen Neujahrsempfang des Kinder- und Jugendhospizes Löwenherz über den schillernden Begriff Heimat. Der Autor und Unternehmensberater  verdeutlicht den rund 70 Gästen in den neuen Räumlichkeiten des Kinderhospiz-Stützpunktes Bremen und der Löwenherz-Akademie in Bremen,  was dieses Wort alles bedeuten kann, denn Heimat wird von vielen unterschiedlich interpretiert. „Ankommen, sich geborgen fühlen und willkommen sein – das bedeutet in der Kinderhospizarbeit bei Löwenherz Heimat“, so Stephan Ludwig.

Sehr eindringlich wurde die Bedeutung von Heimat auch durch den Vortrag von Gaby Letzing, Leiterin des Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz, über die Begleitung eines krebserkrankten afghanischen Jungen. Ohne Eltern, fern der Heimat und wissend, dass man stirbt. Wie kann das ein junger Mensch aushalten?  Gaby Letzing erzählt die Geschichte des unbegleiteten Flüchtlings der für seine letzte Reise ins Löwenherz kam.

In den vergangenen Jahren begleiteten die Löwenherzen vermehrt Familien mit unheilbar erkrankten Kindern, die einen ausländischen Hintergrund haben. Gaby Letzing berichtet, wie versucht wird, den Erkrankten und dessen Angehörigen ein Gefühl von Zuhause im Kinderhospiz zu vermitteln: „Mohammed liebte unseren Garten und den Wind, der durch die geöffnete Tür in seinem Zimmer wehte.“ Die Begleiter brachten ihm Kräuter ins Zimmer. Besonders Rosmarin hatte es ihm angetan – es erinnerte ihn an seine Kindheit. „Ein Samowar stand bei ihm im Zimmer sowie ein Globus und wenige Erinnerungsstücke aus Afghanistan, so dass er jedem Besucher einen Tee anbieten konnte – das ist bei ihm zu Hause Tradition“, so Gaby Letzing weiter. Der junge Mann erzählte seiner Familie zu Hause nicht von seiner Krankheit, seine Eltern hatten schon einen Sohn verloren. Er wollte sie nicht noch trauriger machen.

Aber nicht nur im stationären Bereich werden Familien mit Migrationshintergrund begleitet auch in den ambulanten Stützpunkten gibt es vermehrt Anfragen. Kirsten Höfer, Leitung ambulante Kinderhospizarbeit Löwenherz, berichtet von zwei Flüchtlingsmädchen, die an einer fortschreitenden Muskelerkrankung leiden. Beide können nicht mehr laufen und nur eingeschränkt ihre Hände bewegen. Die siebenköpfige Familie lebt unter beengten Verhältnissen, die nicht pflegegerecht sind. „Nicht nur die Sprachbarrieren galt es zu überwinden, sondern ebenso die Herausforderung, der Familie das Angebot der Ambulanten Begleitung überhaupt verständlich zu machen. Die Idee von ,Ehrenamt‘ oder ,Kinderhospizarbeit‘  kannten sie aus ihren Kulturkreis nicht und für die Begriffe gibt es auch keine Worte in Dari“.  Langsam gelang es der Koordinatorin und den Ehrenamtlichen, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen.

Der große Wunsch des Vaters an die Ehrenamtlichen war es, mit den Mädchen rauszugehen - raus aus dem Betonbau des Flüchtlingsheimes. Heute geht es sogar  gemeinsam in die Bibliothek, Kinderbücher in ihrer Landessprache zu suchen. Mittlerweile sind die Ehrenamtlichen enge Vertraute der gesamten Familie geworden. Sie verbringen unverändert Zeit mit den beiden erkrankten Mädchen, den Eltern und den gesunden Geschwistern. Sie sind Ansprechpartner für alle. Auch die Erlebnisse der Flucht werden zunehmend Thema in den Gesprächen. Für die Zeit, die sie schenken, erfahren sie eine unendlich tiefe Dankbarkeit der Familie.

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