Ein Haus für sterbende Kinder

HOSPIZ Das Haus "Löwenherz" wird gebaut. Für Kinder wie Christian.
Sabine Komm, Syke

Der zehn Jahre alte Christian Kettler liegt träumend im Rollstuhl, die Augen halb offen, eine Sonde in der Nase. Mit vier Jahren wurde bei ihm die unheilbare Stoffwechselkrankheit Leukodvstrophie festgestellt. Durch den Nervenzerfall im Gehirn hat Christian alles verlernt, was er mit vier Jahren konnte. Heute trägt er wieder Windeln. Er wird künstlich ernährt. Langsam verliert er sein Augenlicht. Seit sechs Jahren ist Familie Kettler aus Bremen rund um die Uhr im Pflegestress. Um gleichermaßen betroffenen Eltern und Kindern das Leben vor dem Tod zu erleichtern, engagiert Christians Vater Gero Kettler sich für das geplante Kinderhospiz Löwenherz in Syke (Kreis Diepholz) bei Bremen. Am Sonnabend soll der Bau beginnen.

Entgegen allen Vorurteilen soll in Syke ein lebendiges Haus entstehen. Dort werden todkranke Kinder, quirlige Geschwister und ihre Eltern einige Wochen verbringen und sich erholen können. Kettler: "Die Angst von Nachbarn, dass jeden Tag der Leichenwagen kommt, ist überflüssig. Die meisten Kinder sterben zu Hause." Das zwei Millionen Euro teure Gebäude mit Blick auf Laubwald vermeidet die sterile Atmosphäre einer Intensivstation. Der Grundriss erinnert an einen Löwen und damit an die Astrid-Lindgren-Geschichte "Brüder Löwenherz", die von einem schwer kranken Jungen handelt. Im "Sinnesraum" sollen Musik, Aromaschalen, Lichtsäulen und Discokugeln Kinder stimulieren. Durch die Vibrationen eines Wasserbettes können auch taube Kinder die Musik spüren. Getrennt vom Gemeinschaftsbereich ist ein "Raum der Stille" geplant, in dem Angehörige von gestorbenen Kindern Abschied nehmen können.

Etwa 4000 Kinder erhalten in Deutschland jedes Jahr die Diagnose "unheilbar krank".

Die Hospiz-Idee, Kindern und Eltern von der Diagnose bis zum Tod Kraft zu geben, stammt aus Großbritannien. Dort gibt es 21 Einrichtungen. Auch in Deutschland gibt es Bedarf: Etwa 4000 Kinder erhalten hier jedes Jahr die Diagnose "unheilbar krank". Sie leiden an Stoffwechselkrankheiten, Krebs, Aids oder hatten einen Unfall. Bisher gibt es in Deutschland erst zwei Kinderhospize, eines im Sauerland. eines in Hessen. Die Krankenkassen zahlen nur begrenzt für die Pflege im Hospiz. Deshalb ist auch das Kinderhospiz "Löwenherz", dessen Bau vom Land Niedersachsen mit 750 000 Euro unterstützt wird, langfristig auf Spenden angewiesen. In einem Krankenhaus würde: Petra Kettler ihren Sohn nie allein lassen. Zu groß ist die Angst vor gesundheitlichen Krisen. Zu dem auf todkranke Kinder spezialisierten Personal eines Hospizes hat die Mutter Vertrauen. Dort kann die 42-Jährige loslassen, sich mal um ihren zweiten Sohn kümmern oder mit ihrem Mann ins Kino gehen. Petra Kettler: "Natürlich habe ich im Hospiz seelische Durchhänger, weil ich zum Nachdenken über den Tod komme. Aber das ist wichtig." Christian wird früh sterben. Die entspannte Atmosphäre im Kinderhospiz ist für ihn eine Art Urlaub auf dem Weg dorthin.