"Den kranken Kindern soll es hier gut gehen"

Wochen Tipp

Kinderhospiz "Löwenherz" seit 100 Tagen geöffnet

Syke. Schafe grasen im Nieselregen. Bäume recken ihre kahlen Äste ins Grau. Ein Wetter zum Verkriechen. Im großen Wohnraum des Kinderhospizes Löwenherz in Syke lodern Flammen im Kamin und schaffen eine behagliche Atmosphäre. Alles ist warm gestaltet in diesem Haus, von den sonnigen Farben der Wände bis zu den hellen Holzmöbeln, damit unheilbar kranke Kinder, ihre Eltern und Geschwister sich wohl fühlen können.

Vor rund 100 Tagen hat das vom Bundesgesundheitsministerium und vom Land Niedersachsen geförderte Modellprojekt seine Arbeit aufgenommen. Das "Löwenherz" ist eines von bundesweit sechs Kinderhospizen. Träger der rund 2,3 Millionen Euro teuren Einrichtung ist die Hospiz Löwenherz gGmbH, zu der als großer Partner die Diakonie Freistatt der v. Bodelschwinghschen Anstlaten Bethel gehört. Bis zu acht betroffene Kinder können gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwisterkindern im "Löwenherz" aufgenommen werden - für vier Wochen im Jahr.

Die zehn Monate alte Anne Feline verbringt eine Woche im Hospiz. Besonders wohl fühlt sie sich in einem Raum, in dem Farb- und Klangspiele die Sinne anregen. Zusammen mit ihrer Mutter liegt sie auf einem warmen, sanft schaukelnden Wasserbett. Annette Behnken genießt dabei die fließenden Bilder, die von einem Projektor an die Wand gestrahlt werden. Ihre Tochter kann nicht sehen, aber Feline reagiert auf die Lichtreflexe und die Geborgenheit im Arm ihrer Mutter. Das Rasseln und Glucksen, das jeden ihrer Atemzüge begleitet, wird leiser.

Behutsam küsst Annette ihre Tochter, ohne die Nasensonde, über die das zarte Kind ernährt wird, zu berühren. Jeden Tag wird die Beziehung zwischen den beiden enger. Doch in jedem Moment ist auch der Gedanke präsent, dass Feline vielleicht bald für immer gehen muss.

"Leben und Tod sind in unserem Haus sehr gegenwärtig", sagt Gaby Letzing, die das Kinderhospiz leitet. "In erster Linie geht es uns aber ums Leben und die Lebensqualität. Den kranken Kindern soll es hier gut gehen. Und die Familien sollen sich aufgehoben und entlastet fühlen."

Die Gespräche mit den ersten Gästen, die aus ganz Niedersachse, Bremen und auch aus Nordrhein-Westfalen kamen, haben der Kinderkrankenschwester gezeigt, dass der Aufenthalt im "Löwenherz" die Familien gestärkt hat - für ihr Leben mit einem todkranken Kind.

Die Woche im Kinderhospiz bedeutet Annette Behnken und ihrem Mann viel. Hier können sie endlich einmal eine Nacht durchschlafen, in dem Wissen, dass ihr Kind gut betreut wird. Zu Hause stehen sie selbst in ruhigen Nächten zehn Mal auf, denn Feline kann schon in eine lebensbedrohliche Situation kommen, wenn sie falsch liegt. "Es gab bereits im Krankenhaus viele Situationen, in denen wir dachten, sie stirbt", erzählt die junge Mutter. "Feline hat bei der Geburt einen schweren Sauerstoffmangel erlitten. Sie lag drei Wochen im Koma und weitere drei Monate im Krankenhaus. Ich war immer bei ihr, denn ich wollte den Behandlungen in der Klinik Zärtlichkeit und Geborgenheit entgegensetzen", sagt die 34-jährige Vikarin.

Die Gefahr, dass das zerbrechliche Mädchen, das gerade mal elf Pfund wiegt, eine Lungenentzündung bekommt, ist sehr groß. "Wir wollen alles vermeiden, was schlecht für sie ist. Aber wir wollen ihr auch nicht die Möglichkeit nehmen zu sterben", sagt Annette Behnken mit leiser Stimme, während sie die kleine Hand ihrer Tochter umschließt.

Es war eine Gruppe von betroffenen Eltern, die sich mit viel Kraft dafür stark gemacht hat, in Syke das stationäre Hospiz aufzubauen. "Uns ging es darum, dieses Engagement zu unterstützen", betont Pastor Wolfgang Tereick, Geschäftsführer der Diakonie Freistatt. Die ideelle und finanzielle Beteiligung Bethels an dem Projekt soll die Arbeit des "Löwenherz" dauerhaft sichern und gehört zum christlichen Selbstverständnis von Europas größten diakonischer Einrichtung. Die v.Bodelschwinghschen Anstalten Bethel leisten bundesweit bereits in vier stationären Hospizen einen Beitrag zu einem würdevollern Umgang mit dem Leben und dem Tod.

Die Arbeit des Kinderhospizes "Löwenherz" wird von Bethel jährlich mit mindestens 100.000 Euro unterstützt. Spenden helfen, das Modellprojekt weiter zu tragen, denn die Sätze der Kranken- und Pflegekassen reichen nicht aus. Für Pastor Tereick steht jedoch fest: "Die Einrichtung ist nicht mehr wegzudenken aus der Region." Das "Löwenherz" helfe, dass Kinder behütet aus dem Leben gehen können und ihre Eltern den Verlust ertragen.

"Feline wird hier nicht nur versorgt, sondern ganz liebevoll betreut", sagt Annette Behnken. Und in dieser Gewissheit kann sie einmal mit ihrem Mann Henning ausgehen.
Kinderkrankenschwester Karin Langer trägt die Kleine noch lange auf dem Arm, bevor sie Feline in das kuschelige Bett im "Sternschnuppen" - Zimmer legt. Um den winzigen Finger wird ein Sensor befestigt, der den Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut misst. An diesem Abend sind die Werte im grünen Bereich.