Das nächste Mal müssen die Mädchen mit

Quelle: Weser-Kurier, 18.07.2012

Von Fr

Eine Motorradtour mit Behinderten unternahmen die Rotenburger Werke nach Kirchlinteln. Das Besondere daran seien die ungewöhnlichen Begegnungen und Freundschaften, die hier entstehen, sagen die Organisatoren.

Kirchlinteln. Das bisschen Regen! Echte Biker sehen darin allenfalls eine Herausforderung, aber kein Ärgernis. In zwei Konvois mit insgesamt 51 Mann und vier Frauen startete jetzt die 2. Motorradtour der Rotenburger Werke in einen unbeständigen Tag hinein. Mehr als 100 Kilometer legten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam zurück, und dabei gab es Pausen, wie zum Beispiel am Gemeindehaus in Westen.

Zum ersten mal dabei: der 23-jährige Till Block, der in den Rotenburger Werken in einer Wohngemeinschaft am Therkornsberg wohnt, und "sein" Fahrer Hans-Werner "Hansi" Badenhop. Der 54-Jährige, der beruflich mit Baumaschinen-Ersatzteilen handelt, fährt seit 35 Jahren Motorrad. Bei den Vorbereitungen zur Bikertour der Werke lernten sich die beiden kennen und spürten gleich, dass sie ein gutes Team auf der Maschine bilden würden. "Heute fahren wir einen Can-Am Spyder", sagt Hansi Badenhop, der sonst auf dem Touren-Motorrad unterwegs ist. Der Can-Am Spyder ist ein Dreirad, wenn man so will, "aber nicht gerade ein Kinderspielzeug", wie Badenhop weiß. Das Gefährt wurde anlässlich der Tour der Rotenburger Werke von der Fa. "Scholly's" kostenlos zur Verfügung gestellt – ein wuchtiges Teil, das, wenn man es richtig fährt, jede Menge Spaß bringt, wie es in einer Mitteilung der Behinderteneinrichtung heißt.

Mit Zeichen verständigen

Der 23-jährige Till sah es aber auch mit dem notwendigen Respekt: "Ein bisschen Angst hatte ich schon", sagt er, aber nach den ersten gemeinsamen Gesprächen und Probefahrten wurden aus der Angst Aufregung und Vorfreude. Die beiden testeten, wie sie sich während der Fahrt mit Zeichen verständigen können, und als Till gelernt hatte, wie man in den Kurven das Gewicht verlagert, blieb nur noch die Freude am "Kribbeln in den Kurven".

Letzte Station vor der Heimfahrt war Scholly's Motorradladen in Kirchlinteln, wo ein Aktionstag viele Attraktionen bot: Neben Würstchen vom Grill, kühlen Getränken und Kaffee gab es viele Informationen, außerdem die Möglichkeit, eine Runde auf dem Quad-Parcours zu drehen oder wertvolle Preise bei der Tombola zu gewinnen.

Eine Motorradtour mit Menschen mit Behinderung – was ist das Besondere daran? Leonhard Park, der die Tour nun zum zweiten Mal ehrenamtlich für die Rotenburger Werke organisiert hat, drückt es so aus: "Es sind ganz ungewöhnliche Begegnungen und Freundschaften, die hier entstehen. Alle, die mitgefahren sind, wollen diese Erfahrung nicht missen." Barbara Brockmann und Stephan Slomma helfen bei der Organisation als Mitarbeiter der Rotenburger Werke, in denen mehr als 1100 Menschen mit Behinderung leben. Dank ihrer Erfahrung wissen sie, wie lange und positiv ein solches Erlebnis bei den meist jungen Bewohnerinnen und Bewohnern der Einrichtung in Erinnerung bleibt.

Till Block jedenfalls ist begeistert: "Im nächsten Jahr will ich unbedingt wieder mitmachen!" Und Hansi Badenhop kann allen Bikern nur empfehlen, sich beim nächsten Mal zu beteiligen. "Wer Berührungsängste mit Behinderten hat, wird sie hier schnell los. Und nach so einer Tour hast du das tolle Gefühl, einem anderen und dir selber eine ganz besondere Freude gemacht zu haben. Ich bin beim nächsten Mal wieder dabei." Aber eins müsse sich dringend verbessern: "Das nächste Mal müssen auch die Mädchen mit", sagt Till, denn von den Bewohnerinnen der Werke habe sich bislang noch keine getraut. Aber Till verspricht: "Ich werde sie bestimmt überzeugen. Denn es ist einfach toll."

An der Tour beteiligt waren außerdem der Motorradclub "Crazy Run" aus Bremen, das Kinderhospiz "Löwenherz" und die Polizei Rotenburg, die hilfsbereit den Konvoi der Rotenburger Werke begleitete.