Qualifizierte Leichenschau in Bremen bleibt umstritten

Quelle: Kreiszeitung, 03.07.2019

Verzögertes Trauern

Bremen - Von Ralf Sussek. Auch zwei Jahre nach ihrer Einführung bleibt die qualifizierte Leichenschau umstritten. Sie führe in Einzelfällen zu Verzögerungen und belaste den Trauerprozess, sagten am Dienstagabend bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion des Kinderhospizes „Löwenherz“ vor fast 100 Zuhörern Angehörige, Theologen und die Bremer Trauerbegleiterin Tanja Brinkmann.

Für die, die darüber stolperten, sei das „richtig dramatisch“, sagte die Expertin. Am 1. August 2017 hat Bremen als erstes und bisher einziges Bundesland die qualifizierte Leichenschau eingeführt.

Seitdem wird jeder Mensch, der in Bremen stirbt, nach der ersten ärztlichen Feststellung des Todes durch einen Arzt zusätzlich von einem Rechtsmediziner äußerlich untersucht. Das zweistufige Verfahren wurde eingeführt, um zu verhindern, dass Ärzte Tötungsdelikte übersehen. Mit der Generalprävention (allgemeine Abschreckung zur Verhinderung von Straftaten, d. Red.) argumentierte denn auch Noch-Bürgermeisterin Karoline Linnert (Grüne).

Im vergangenen Jahr sind in Bremen 7 585 Tote bei einer qualifizierten Leichenschau untersucht worden, sagte auf Nachfrage der Direktor des Bremer Instituts für Rechtsmedizin, Olaf Cordes. Bis heute wurde demnach kein übersehenes Tötungsdelikt entdeckt, allerdings Unfälle oder Suizide, die fälschlicherweise als „natürliche Todesursache“ deklariert wurden.

Ein Hausarzt aus dem Plenum kritisierte, der Tod durch das berühmte Kissen auf dem Gesicht könne auch durch die qualifizierte Leichenschau nicht festgestellt werden. Cordes räumte ein, die äußere Leichenschau habe Grenzen; die Taten des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel wären auch durch eine qualifizierte Leichenschau nicht ans Tageslicht gekommen. Allerdings steigere die Prüfung durch einen Leichenschauarzt die Qualität. Christian Stubbe, Vorsitzender des Bestatterverbandes Bremen, sprach sich auch für das Verfahren aus. Es nehme Angehörigen Ängste beispielsweise nach einem Tod im Krankenhaus.

Die Gebühren der qualifizierten Leichenschau in Höhe von 222,53 Euro (inklusive Mehrwertsteuer) müssen die Angehörigen tragen. Eine äußere Leichenschau dauert in der Regel fünf Minuten, erläuterte Cordes, zu dessen Team acht weitere Mediziner gehören. Die Dokumentation beanspruche mehr Zeit, den Löwenanteil machten An- und Abfahrt aus. Erst bei einem Verdacht wird eine Leiche geöffnet und obduziert.

Der leitende Theologe der Bremischen Evangelischen Kirche, Bernd Kuschnerus, forderte, Abläufe müssten noch verbessert werden, um der „Verunsicherung der Trauernden“ zu begegnen.

Laut Linnert beobachten Bundesländer die Bremer Initiative mit großem Interesse. Eine Evaluierung steht noch aus. Zudem erscheint das Vorgehen der Länder wenig abgestimmt; bevor ein Toter im Krematorium Verden verbrannt wird, ist eine Leichenschau – wenn er in Bremen starb, wäre das dann die dritte – vorgeschrieben, sagte eine Bestatterin.

In Bremen wurden laut Cordes Tote schon vor dem 1. August 2017 genauer untersucht, wenn sie hier eingeäschert werden sollten. Laut Stubbe sind 85 Prozent aller Beisetzungen in Bremen Feuerbestattungen.