Kritik an der qualifizierten Leichenschau

Quelle: Weser Kurier, 03.07.2019

von Sabine Doll

Kein zeitnahes Abschiednehmen möglich

Zwei Jahre nach Einführung der qualifizierten Leichenschau gibt es Kritik von Angehörigen und Trauerbegleitern: Sie bemängeln, dass sie nicht zeitnah und in Würde von Verstorbenen Abschied nehmen können.

Trauernde könnten nicht zeitnah und in Würde Abschied nehmen; es dauere zu lange, bis Verstorbene von der Rechtsmedizin für die Bestattung freigegeben würden; das führe zu Verunsicherung und zusätzlichen emotionalen Belastungen – Schuld an diesem Dilemma ist aus Sicht von Angehörigen und Trauerbegleitern die sogenannte qualifizierte Leichenschau. „Auch wenn das Verfahren ein hehres Ziel hat, macht es uns betroffen, dass der Trauerprozess durch die qualifizierte Leichenschau nicht immer angemessen stattfinden kann“, sagte Gaby Letzing, Vorsitzende des Kinderhospiz Löwenherz in Syke, das zu einer Podiumsdiskussion in Bremen eingeladen hatte.

Seit fast genau zwei Jahren muss jeder Verstorbene in Bremen von einem Rechtsmediziner untersucht werden. Ziel der qualifizierten Leichenschau, die Bremen als erstes und einziges Bundesland eingeführt hat, ist, unklare Todesfälle, fehlerhaft ausgestellte Totenscheine und auch Tötungsdelikte besser aufklären zu können. In der Praxis heißt das: Zusätzlich zum Haus- oder Notarzt, der den Tod feststellt und vorläufig bescheinigt, wird das Institut für Rechtsmedizin am Klinikum Mitte bei jedem Todesfall auf den Plan gerufen. Die besonders ausgebildeten Ärzte untersuchen die Körperoberfläche nach Verletzungen, Einstichstellen oder anderen Auffälligkeiten. Erst danach kann der Tote zur Bestattung freigegeben werden.

An dieser Stelle hake es gewaltig, wie Trauerbegleiterin Tanja Brinkmann kritisierte: „Das dauert oft unnötig lange, sodass der Trauerprozess gestört wird. Teilweise müssen die Angehörigen mehrere Tage warten, bis die Leichenschau vorgenommen wird. In den meisten Fällen, bei alten und kranken Menschen, bei Fehl- und Totgeburten, gibt es ohnehin keine Zweifel an einem natürlichen Tod.“ Deshalb stelle sich die generelle Frage, ob die qualifizierte Leichenschau überhaupt sinnvoll sei, wenn sie dann auch noch zu diesen Belastungen führe.

Teils gravierende Fehler bei der Feststellung der Todesart

Olaf Cordes leitet das Institut für Rechtsmedizin am Klinikum Mitte, mit weiteren acht Ärzten ist er für die Leichenschau zuständig. „2018 wurden 7585 Verstorbene in Bremen-Stadt untersucht, mehr als die Hälfte davon in Kliniken oder bei Bestattern; in 1450 Fällen erfolgte die Untersuchung im häuslichen Umfeld.“ Ein zunächst unentdecktes Tötungsdelikt sei nicht darunter gewesen. „Nach wie vor gab es aber teils gravierende Fehler bei der Feststellung der Todesart; etwa indem Suizide oder Unfälle als natürliche Todesursachen deklariert oder natürliche Todesursachen fälschlicherweise als nicht-natürlich klassifiziert wurden“, so Cordes. Zeitliche Verzögerungen konnte der Rechtsmediziner bestätigen. Vor allem nach Wochenenden könne es personell eng werden, weil die Ärzte für Leichenschauen im gesamten Stadtgebiet und neuerdings auch in Bremerhaven zuständig seien. „Mehr Personal wäre gut. Unterm Strich muss man jedoch die Bilanz ziehen, dass wir mit der qualifizierten Leichenschau einen gewaltigen Qualitätssprung gemacht haben.“

Christian Stubbe ist Vorsitzender des Bremer Bestatterverbands und hat fast täglich mit den Auswirkungen des neuen Gesetzes zu tun. Er hält es für sinnvoll, hat aber auch „mehrere verbesserungswürdige Defizite“ festgestellt: Die Gründe für die zeitlichen Verzögerungen bei der Leichenschau und damit der Freigabe der Verstorbenen sieht er auch in den Kliniken. Das Meldeverfahren an die Rechtsmedizin würde teilweise „länger als notwendig“ dauern. „Das könnte reibungsloser im Sinne für die Angehörigen gehen. Und: Wozu braucht man noch die vorherige Todesbescheinigung, etwa durch den Hausarzt, wenn danach ohnehin eine Leichenschau vorgeschrieben ist? Das könnte man zusammenfassen“, schlug er vor.

Ungeahnte Schwierigkeiten bereitet die qualifizierte Leichenschau aber auch dadurch, dass sie bislang allein im kleinsten Bundesland gilt – allerdings nicht nur für Bremer: Jeder Verstorbene in Bremen muss untersucht werden. „Im Zweifel bedeutet dies, dass Verstorbene etwa aus Niedersachsen auch dort noch einmal von einem Rechts­mediziner untersucht werden, weil dies zum Beispiel vor einer Urnenbestattung vor­geschrieben ist“, erklärt Stubbe. Das bedeute für die Angehörigen auch zusätzliche Kosten: Für die erste Todesfeststellung durch einen Arzt plus die qualifizierte Leichenschau fielen insgesamt rund 225 Euro an Gebühren an, die von den Angehörigen bezahlt werden müssten.

Linnert notiert Kritik und Vorschläge

Karoline Linnert (Grüne) saß als Vertreterin der Politik auf dem Podium, in ihrer Zeit als Bürgermeisterin und Finanzsenatorin wurde die qualifizierte Leichenschau eingeführt. Linnert notierte Kritik und Vorschläge: „In diesem Punkt muss man mit anderen Bundesländern zu der Regelung kommen, dass die qualifizierte Leichenschau aus Bremen anerkannt wird. Und grundsätzlich muss man sich das Verfahren ansehen, an welcher Stelle es verbessert und damit für die Angehörigen erträglich und würdevoll gestaltet werden kann.“ An der Sinnhaftigkeit des Gesetzes ließ Linnert jedoch keine Zweifel: „Es geht um eine Güterabwägung, die Leichenschau hat einen gewaltpräventiven Charakter in dem Sinne, dass nicht-natürliche Todesursachen besser festgestellt werden und es eine qualifizierte Kontrolle gibt. Gesellschaftlich ist das sehr erwünscht.“

Dieses Ziel dürfe der Würde der Verstorbenen und dem Trauerprozess der Angehörigen nicht im Wege stehen, mahnte der Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, Bernd Kuschnerus: „Angehörige müssen die Möglichkeit haben, von dem Verstorbenen Abschied zu nehmen und dass die Totenruhe nicht durch unzumutbare Verzögerungen gestört wird.“ Unter dem Aspekt dieser Güterabwägung müsse das Verfahren daher auch weiterhin regelmäßig überprüft werden.