Wie ich als Märtyrer kam und als Schlumpf von dannen zog

„You’ll never walk alone“ - das ist echte Liebe. (Foto: Geschonke)

Quelle: Nordwest-Zeitung, 29.04.2019

Von Marc Geschonke

Borussia Dortmund gegen Schalke 04. Dat is Liebe, Leid und Leidenschaft. In den Farben getrennt, in der Sache verei... ne. Wirklich nicht. Nicht immer. Und schon gar nicht bei der Mutter aller Derbys. Das wurde zwar 222 Kilometer weiter südwestlich ausgetragen – geliebt, gelitten und geschimpft wurde aber auch in Oldenburg. Und wie. Klar, dass wir uns da nicht zu schade waren, einen königsblauen Kollegen in die schwarzgelbe Hochburg zu entsenden.

OLDENBURG /DORTMUND Wissen Sie ... ehrlich gesagt, war ich nicht immer eine Randgruppe. Damals, im Pott, galt ich manches Mal sogar als angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Zum Beispiel im Jahr 2001, als mein Club zu meinem Geburtstag gleich zweimal Meister wurde. Erst „vonne Bundesliga“, wie wir im Ruhrgebiet zu sagen pflegten – und vier Minuten später dann sogar noch Meister der Herzen. Zugegeben, das blieben wir dann auch. Also ausschließlich. Vom „Hero“ zum „Zero“. Ich konnte damit aber recht gut leben. Als Schalker weiß man schließlich, was Leid bedeutet. 18 Jahre später, an diesem Samstag, war alles ein wenig anders. Heute erschien ich als Meister der Schmerzen – und wurde mit einem Quasi-Hausverbot verabschiedet. Und das kam so.

„Wir feiern unser fünfjähriges Bestehen!“, hatte Ronny vor ein paar Monaten geschrieben, die Einladung des BVB-Fanclubs „Nordlicht Borussen“ gleich angefügt. Zu einem Zeitpunkt, als der mehrfache Deutsche Meister (ja, das kann ich hier und jetzt problemlos hernieder schreiben) einsam an der Spitze der Bundesliga kreiste und mein gehassliebter FC Schalke 04 schon ziemlich weit am Ende lag. Da ich keine Karten mehr für die Mutter aller Derbys in Dortmund ergattern konnte und das verbale Säbelrasseln hier im hohen Norden ja wohl auch nicht sooo schlimm sein könnte, machten wir also meinen Besuch mit Stift, Block und Kamera für diesen 27. April aus. Und ach ja, ich würde dann wohl im Trikot meines Heimatvereins auftauchen. (Und auch sonst bin ich zumeist wie ab und zu im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, ja.)

Blaues Blut und Echte Liebe

Trotzdem mag ich Ihnen das drohende Malheur noch einmal kurz vorab in einem weiteren Abriss verdeutlichen: Unsere außersportige Stadtredaktion ist nicht nur in vielen politischen, gesellschaftlichen Themen seeehr breit aufgestellt, sondern auch mit Blick auf Bundesliga-Fußball. Da gibt’s den Vollblut-Werderaner, einen HSV-Anhänger und die BVB-Granate. Und mich. Schalker. An meinem Bürofenster steht ein königsblaues Winkeschal-Männchen.

Gleich daneben hat ein Kollege eine Werder-Raute ans Fenster geklebt. Von außen. Wie auch immer er das geschafft haben mag, einfach öffnen lässt es sich nämlich nicht. Doch sei’s drum. Schon Wochen vor dem Spiel der Spiele beginnt die Frotzelei. Der eine schenkt mir ’nen BVB-Schokohasen, die andere trötet BVB-Lieder und der Chef klebt mir einen „Nur der BVB! :)“-Zettel in die Tastatur. Ich habe mich revanchiert, einen blau-weißen Schalke-Kuchen gebacken und dazu geschrieben: „Iss auf, wenn Du ein Schalker bist.“ Und was soll ich sagen? Bei Büro-Kuchen setzt das Gewissen halt mal aus.

Oldschool in der 3Raumwohnung

Doch zurück zum Thema. Es ist Samstag. Kurz nach drei. Mein mit einem Schalke-Aufkleber versehenes Hollandrad lasse ich vorsichtshalber an der Redaktion stehen, laufe also mit Sack und Pack gen „3Raumwohnung“ – zentral in der Oldenburger City gelegen und herrlich oldschool eingerichtet. Bislang von mir aber gemieden. Aus Gründen. Und auch jetzt verspüre ich ein leichtes Unwohlsein, als ich am Zielort eintreffe. Da stehen sie nun also. Der Ronny. Der Dennis. Die Sabrina. Allesamt in schnieker Ausgehkleidung, allesamt in gelb und schwarz. Ich trage zu diesem Zeitpunkt eine graue, hochgeschlossene Jacke. Unverfänglich. Unauffällig. (Schleuse aber einen Schlüpper in Schalke-Farben hinein. Es soll mein Geheimnis bleiben.)

Der Empfang ist nett, Hände werden nacheinander gereicht und nicht sogleich wieder an den gelbschwarzen Trikots abgewischt. Sehr höflich. Ronny legt schützend seinen Arm auf meine Schulter. Ganz so, als habe er den Ernst meiner Lage erkannt und wolle sagen: „Schaut nur, das ist heute einer von uns!“ Tatsächlich sagt er: „Ich habe ihnen erst vor ein paar Minuten gesagt, dass Du ein Schalker bist...“ Oha.

27 Mitglieder im Fanclub

Das erste Beschnuppern endet zufriedenstellend, ich werde unter Lächeln und Gelächter auf die Beletage der Kneipe geführt. Seit September sind sie hier daheim, haben die Zwischenetage nach eigenem Befinden und den eigenen Farben herrichten dürfen. „Unsere Lounge“, sagt Martin Gribbe, seines Zeichens Vorsitzender des derzeit 27 Mitglieder zählenden Fanclubs. Hier ein paar gemütliche Sessel, dort ein paar kuschelige Sofas, Filmplakate und Trikots an den Wänden, BVB-Bierdeckel auf den Beistelltischen, ein riesiger Bildschirm über dem Zigarettenautomaten. Nett ist’s, fast schon einladend. Wenn da nicht die Fehlfarben wären ... Denn genau hier begehe ich meinen ersten Fehler (und glauben Sie mir, es folgen viele weitere): ich ziehe die Jacke aus.

„Wooooooohooooo!“, schallt es mir aus einem guten Dutzend derbygetränkter Stimmen entgegen. Verdammt! Mein schalkiges Raul-Trikot. Der Überraschungseinstieg in den Abend ist mir also unfreiwillig schon mal geglückt. Gleich drei Jungs bieten mir ihre BVB-Westen an. Ich lehne dankend, aber bestimmt ab. Da müssen wir wohl nun gemeinsam durch. Wie sagte doch unsere S04-Ikone Charly Neumann einst? „In schlechten Zeiten müsst ihr Schalker sein. In guten haben wir genug davon.“ Weiß Gott. Das bin ich. So sehr und oft ich mich dafür auch verfluchen mag.

Alter spielt keine Rolle

Den Umgang mit Fremden haben sie hier aber gelernt. Die Kneipe ist zwar fest in BVB-Hand, aber ansonsten in den niederen Etagen recht offen auch für andere Clubs. Erzählen sie mir zumindest. Ich versuche es zu glauben, lächle höflich und nestle an meiner Kamera frei nach dem Motto „Ich bin Presse, lassen Sie mich ... in Ruhe!“ herum.

Noch 15 Minuten bis zum Anpfiff. Eine Viertelstunde bis Derby. Martin und sein Vertreter Ronny nutzen die Gunst. Wissen, dass ich gerade jetzt wohl GANZ GENAU zuhören und mir alles notieren mag. „Gemeinsames Interesse am geilsten Verein der Welt“, erläutern sie die Basis ihres Clubs. „Das Alter spielt keine Rolle“, heißt’s – und wird mit schweifendem Blick ins Rund sowie der Aufzählung einiger Namen und Geburtsdaten belegt. Gern wären sie heute wie vier andere Vereinsmitglieder live im Stadion gewesen. Aber auch sie hatten keine Karten mehr bekommen. Macht ja nix, dafür ist man ja nun hier beisammen. Mit einem Schalker.

Seit 2014 offizielle Nordlicht-Borussen

Ende 2013 war’s, als Martin bei Facebook nach Gleichgesinnten gesucht hatte. Das klappte recht zügig. Binnen kurzer Zeit war eine größere BVB-Gemeinschaft zusammengefunden. Anfang 2014 gründete sich dann der e.V., am 1.6.2014 war man schließlich offizieller BVB-Fanclub im fernen Norden, mit dem Segen des so geliebten Bundesliga-Vereins. „Jetzt sind wir die Nordlicht-Borussen“, sagt Martin und zeigt auf das schwarzgelbe Leuchtturmlogo. „Das passt doch perfekt zu uns.“

Noch zehn Minuten. „You’ll never walk alone“, singen sie. Im Sitzen, im Stehen. Einen Liedtext brauchen sie als echte Liebhaber natürlich nicht. Dennis aus Berne hat ihn seit 2018 trotzdem immer bei sich. Als Tattoo auf dem rechten Unterarm. „Der Satz passt doch zu jeder Lebenssituation“, wird er später sagen. Und jetzt noch gar nicht wissen, wie Recht er damit haben wird...

Schlimme Schalke-Allergie

15.30 Uhr. Anpfiff. Die Stimmung beim 590. BVB-Fanclub ist bestens, 17 Mitglieder bilden heute die Oldenburger Dependance. Und ja, nervös sei man auch. Irgendwie. Obwohl unfassbare 42 Zähler die beiden Kontrahenten auf dem Platz trennen. Trauriger Rekord für mich, Grund genug für die anderen, Gläser anzustoßen und mich auf liebevollste Art und Weise zu beleidigen. „Willkommen beim geilsten Club der Welt, Marc“, ruft da einer. Ein anderer niest ständig, ich habe etwas Mitleid und wünsche Gesundheit. Seine Antwort: „Ach schon gut, ist nur ne Schalke-Allergie“. Alles klar. Derby-Modus. Ich habe verstanden.

„Die ersten Minuten sind Psycho-Spielchen!“, sagt TV-Kommentator Steffen Simon. Ja. Das kann ich wohl bestätigen. „Scheiß S04“, rufen sie, von „Gesocks“ ist die Rede, als im Stadion blaue Pyros abgebrannt werden. Als ich dann noch mit vorsichtigem Unterton frage, weshalb das an die Decke gestrahlte BVB-Logo eigentlich in blau-weiß erscheint, droht die Stimmung erstmals ein wenig zu kippen. „Du bist der erste, der das hier fragt...“ Nicht, weil ich damit falsch läge. Aber wohl, weil die anderen Gäste mehr um ihre Unversehrtheit bemüht waren ...

Der Neutralität verpflichtet

Ich lasse meine Frage unbeantwortet und widme mich wieder dem Club. Weil ich einen Platz unterm TV zugewiesen bekommen habe, sehe ich vom Spiel nicht allzu viel. Dafür aber Menschen in Schwarzgelb. Menschen, die ihre Hände falten. Die ihre Finger in Schals verkrampfen. Die gebannten Blickes auf den Bildschirm starren. Und fluchen. und meckern. Und schimpfen. Und jubeln. Schon nach 14 Minuten. Götze trifft per Kopf mitten ins Schalker und damit auch in mein Herz. Ich lasse mir nichts anmerken, klatsche aber auch nicht mit der völlig ausrastenden Menge ab. Aus Trotz. Und weil ich als Reporter ja zur Neutralität verpflichtet bin. Quasi. Also gewissermaßen deshalb.

„Heja BVB, heja BVB“, singen und klatschen sie. Ich bestelle mir derweil einen Kaffee. Schwarz. Und kann plötzlich das Klickern und Klacken meines Kaffeelöffels in der Tasse hören. Weil es um mich herum schlagartig still ist. Dann ein Aufschrei: „Was soll er denn da machen? WAS DENN?“, schallt es aus dem Hintergrund. „Das sind doch keine Roboter! Mensch! Das geht doch nicht!“ Nun, kurz zusammengefasst: Handspiel. Elfmeter. Tor. Für Schalke. Es steht 1:1. Nullvier Minuten später. (Hihi.)

„Yay!“

Sechs Minuten später hätten sie hier auch gerne einen, Zitat, „ELFMETER!!! ELFMEEEEETER!!! FOUL! MENSCH FRAG DOCH DEN VIDEOSCHIRI! SCHEISSE!“ Ebenso kurz zusammengefasst: Dortmund bekommt keinen Strafstoß. Dafür in der 28. Minute den nächsten Gegentreffer.

„Marc in Gefahr“, schreibt mir die in einer Dortmunder Kneipe zeitgleich sitzende Kollegin aufs Handy. Und tatsächlich fühle ich mich schlagartig etwas ... fehl am Platze. „Nun freu Dich doch mal, Marc“, ruft Ronny mir etwas spitz zu. Ich antworte mit einer vorsichtig geballten Faust, stoße ein mitleiderregendes „Yay!“ aus und ziehe mich wieder hinter meinen Block zurück. Meinen Stuhl habe ich indes schon einmal ein Stückchen weiter gen Treppenabgang gerückt.

Es wird hitziger, das Spiel offenbar nicht ansehnlicher. Ich bekomme ja nicht viel davon mit, aber die Nordlicht-Borussen wenden sich zunehmend ab. „Die Blauen bleiben niemals mit elf Leuten auf dem Platz, niemals! Die können doch nix! Stevens, Du Fußball-Rentner!“

Ohne Derby ist alles doof

Endlich Abpfiff. Die erste Halbzeit ist beendet. 2:1 für Schalke. Oder wie sie liebevoll genannt werden: „Scheiß Schlümpfe.“ Ich habe das 0:7 gegen Manchester City erlebt, ich habe die verpasste Meisterschaft zelebrieren müssen und noch so einiges andere typisch Schalkige durchgemacht. Aber so schwer wie in diesem Moment fiel es mir selten, Schalker zu sein. Das Lächeln zu unterdrücken. Voller Adrenalin zu sein, dies aber nicht rauslassen zu können.

Sie müssen verstehen: Zwischen TV und Borussen-Breitseite gibt’s nur noch den Zigarettenautomaten und mich. Jegliche Gefühlsregung würde ein jeder hier mitbekommen. Augenblicklich. Eine Taschentuch-Packung, die mir ein Gast vor Anpfiff reichte („Hier, für später. Harhar.“) – natürlich eine gelbe und nicht im blauen Markenkleid – schiebe ich unbemerkt zur Seite. Ich kam als Märtyrer, rechnete mit einer knapp zweistelligen Pleite. Zumindest erzähle ich das hier jedem, und ernte dafür wohlwollende Blicke. Nun aber hat sich meine Situation verändert. Und das trotz Führung irgendwie nicht zum Guten.

Um auf andere Gedanken zu kommen, setze ich mich zu Schmelzer, Reus und Castro in die letzte Bank. So steht’s auf ihren Rücken, tatsächlich aber sind’s Mama Sabrina, Töchterchen Emilia und Papa Marcus. Sie alle stammen aus Schwerte und Holzwickede, zogen kürzlich nach Metjendorf. Klingt ja eigentlich ganz sympathisch. Würde Marcus aber nicht das hier sagen: „Och, so ein Abstieg der Blauen wäre für mich schon okay.“

Schade eigentlich. Sabrina wirft spontan ein: „Nein, ohne Derby wäre es doch alles doof“, sagt’s und packt dann aber auch die kleine Emilia, geht mit ihr draußen etwas Luft schnappen. Weil eben das Derby gerade so ziemlich doof ist. Behauptet sie.

Steilvorlage Abstieg

Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Man hat sich wieder etwas beruhigt. Vielleicht auch, weil ich versuche, die Stimmung etwas aufzulockern. Laut rufe ich in den Saal: „Okay, Leute - Hand aufs Herz: Wer von Euch wünscht sich einen Schalker Abstieg?“ Steilvorlage von mir. Mehr kann ich wirklich nicht tun, um meine Haut zu retten. Allerdings: Nur zweieinhalb von 17 Schwarzgelben heben die Hand. Das ist ... überraschend. „Das Derby gehört einfach dazu, darauf freut man sich die ganze Saison“, sagt einer, „Punkt.“ Okay, ganz Punkt ist dann doch nicht: „Aber sie sollen ruhig bis zuletzt kämpfen und in die Relegation ...“

Minute 57. Burgstaller tritt erneut um sich, allerdings nicht gegen den Ball, sondern schon wieder gegen einen Dortmunder. Diesmal Witsel. Das kommt hier im Rund doch eher so semigut an. „Schon das dritte Foul. DAS DRITTE! Gib dem Rot, Schiri! Der kann gar nix! Was für ein Arschloch!“ Glücklicherweise meinen sie damit nicht mich. Ich habe mich auf die Empore verdrückt und verfolge Spiel wie Stimmung aus sicherem Abstand. Denn von letzterer gibt es mittlerweile reichlich. Richtig hitzig wird’s. So heiß wie Frittenfett. Und ich genieße, ja liebe es.

Reus ist raus

Drei Minuten später. Jetzt gibt’s endlich die geforderte rote Karte. Dummerweise gegen den eigenen Spieler. Reus ist raus. „DAS IST DOCH NIEMALS ROT!“ Ähem. Doch. Ist es. Das denke ich mir zwar, wird aber von Kim ausgesprochen. Chapeau. Der 36-jährige Oldenburger – den BVB-Schal fest über die Oberschenkel gespannt und sicher schon durchgeschwitzt – hat bei aller Dramatik noch den Durchblick. „Doch. Der kommt von hinten rein. Das ist Rot. Leider.“ Ich schweige und lausche den Fangesängen meiner Familie aus den Lautsprechern. „Wir sind Schalker... asoziale Schalker ... schlafen unter Brüüüüücken oder in der Baaahnhofsmission ...“ Jetzt fühlt’s sich tatsächlich ein bisschen wie Heimat an.

Aber nur kurz. Um genau zu sein, nur eine Minute. Denn Schalke trifft. 3:1. Ich schlucke. Freude und Panik im Wechselgesang. Ich will jubeln, beiße aber auf meinen Kuli und schaue mir das eingerahmte BVB-Trikot mit den Unterschriften aller Spieler an. Bloß hier niemandem mehr in die Augen schauen.

1000 Euro für Kinderlachen und Löwenherzen

Markus, der mit K, hat sein Gesicht tief in den Händen vergraben. Es herrscht eine Totenstille in der Lounge. Plötzlich keimt vereinzeltes, wahnsinniges Gelächter auf. Und immer wieder wird der Spielstand genannt. „Drei. Eins. Eins. Drei. DREI!“ Nicht von mir, übrigens. Ich lenke mich weiter ab, beschäftige mich mit anderen Zahlen des Clubs. Denn der hat nicht nur packende Heim- und Auswärtsspiele zu bieten, sondern auch reichlich gute Taten. Aus eigenen Spendenaktionen und der Tombola zum Jubiläumsjahr kommen nämlich über 1000 Euro für den guten Zweck zusammen – das Kinderhospiz Löwenherz und der Kinderlachen e.V. werden sich dieses Geld teilen dürfen. Stark, Nordlichter! Erst recht, für solch einen kleinen Verein.

„HIRNLOS!“, schreit es mir dann plötzlich um die Ohren. Da kannst Du doch nicht so rein gehen! Glatt rot!“ Jetzt ist’s Kim, der etwas auszufallen droht. Aber nicht gegen Schalke, i wo. Sondern gegen die Dummheit des eigenen Manns, der in der 65. Minute übertrieben eingestiegen ist und damit „zu Recht!“ vom Platz fliegt. „Unfassbar“, sagt der 36-Jährige, „unfassbar.“

Dann doch wieder ganz in sich ruhend, erläutert Kim die Regeln und Lage. Allen, nicht nur mir. So viel Größe muss man in solch einer Situation erstmal aufbringen. Ronny entschuldigt sich unterdessen für seinen lautstarken Ausflug in die Welt der Verhohnepiepelungen gegen den Schiri - „ach Mensch, im Eifer des Gefechts ... Entschuldigung.“

Erinnerungen ans legendäre 4:4

Neun Dortmunder auf dem Platz, nur noch 15 in der Oldenburger Lounge. Die Reihen lichten sich. Weil der Spaß angeblich vorbei sei und man „nur noch auf Verwalten spielen“ könne, wie es hier heißt. Das sehe ich ein bisschen anders, weitaus weniger fatalistisch. Denn als Schalker weiß ich, dass es a) noch immer schlimmer sein kann als es ohnehin schon ist, und b) es aber auch völlig abstrus werden kann. Ich erinnere die Truppe an das legendäre 4:4-Derby im November 2017, als Schalke einen Vier-Tore-Rückstand noch egalisierte – um den Mitleidenden ein wenig Mut und Trost zu spenden. Das aber kommt hier gerade so gar nicht gut rüber. Keine Ahnung, weshalb...

Mit Tattoo-Dennis plaudere ich über die guten Seiten des Lebens, sein beeindruckendes Tattoo. Und plötzlich beginnt der 30-Jährige aus Berne zu strahlen. „Ja, da werde ich oft drauf angesprochen“, sagt er, „you’ll never walk alone - das ist einfach mein Verein“. Und offenbar auch die Philosophie des lieben Kerls. Um so mehr tut’s mir leid, wie sehr er gerade leiden muss. Für sein Schriftzug-Tattoo musste er vor einem Jahr 100 Euro zahlen, eine Stunde hatte die Tortur am Unterarm gedauert. Das aber sei eher Entspannung für ihn gewesen, wie er sagt. Ganz im Gegensatz zum gerade laufenden Spiel.

Auf dem Boden der Tatsachen

Ronny hat es sich mittlerweile auf dem Boden bequem gemacht. „Auf dem Boden der Tatsachen“, wie er ergänzt. Markus wird’s zu viel, dieses Spiel und dieses Geschehen tun ihm nicht gut. Er verabschiedet sich, reicht mir ausnahmsweise die Hand. Ich stehe auf, umarme ihn dafür. Im Schmerz vereint. „Foto! Foto!“ rufen die Kollegen, das aber wäre zu viel des Schlimmen. Markus geht, bleibt aber allemal im Herzen.

Dann aber fällt der Dortmunder Anschluss. 2:3! Witsel in der 84. Minute! Geht da noch was? Mensch! Da geht noch was! Plötzlich sind alle Nordlichter wieder da. (Bis auf Markus. Tut mir leid.) Jetzt wird’s erst so richtig heiß. Für alle. Meine Angst ist inzwischen komplett erledigt, mein Respekt vor der hiesigen Truppe (und meinem eigenen Mut) gewachsen.

Ja, ich bin Schalker im fremden Land. Ja, Schalke spielt nicht überzeugend, aber schickt sich sogar an, in Dortmund zu gewinnen, könnte dem BVB sogar die Meisterschaft verderben. Und ja, ich halte die Kamera drauf, erlebe Dortmunder Stolz und Leid und Hoffnung zugleich. Trotzdem lässt man mich hier gewähren, mehr noch: „Wenn es jetzt noch 3:3 ausgeht, kriegst Du den Pulitzerpreis!“, ruft Ronny, steht plötzlich mitten im Saal, ballt die Fäuste und ist kaum noch einzufangen. „Ja Man! Jetzt geht das Derby los! Noch sechs Minuten, plus Nachspielzeit!“

Anstand und Verantwortung

Zwei Minuten später steht’s 2:4. Ich springe kurz voller Freude auf, reiße mich aber sogleich am Riemen und setze mich wieder hin. Es war nur ein kurzer Ausbruch meiner Freude, aber leider: zu spät. „Das habe ich gesehen, Marc!“, schallt’s entgegen. Ich sehe diverse Mittelfinger in der Höhe. Die gelten zwar nicht mir, aber dennoch schäme ich mich. Ein bisschen.

„Vergiss, was ich gesagt habe“, meint Ronny. Aber doch hoffentlich nicht die Sache mit dem Pulitzerpreis? „Große Klappe, nix dahinter. Aber vielleicht kannst Du ja schreiben, dass wir nur noch zu Neunt gespielt haben?“ Klar, kann ich: Der BVB kassiert das vierte Tor in Unterzahl.

„Du solltest Deinen Stuhl langsam Richtung Ausgangstür rücken“, empfiehlt mir der Kollege HSV-Fan unterdessen via Facebook. Sehr witzig. Noch einen Zentimeter weiter, und ich liege im Erdgeschoss bei den Fremd-Borussen.

Wie sagte doch Ronny anfangs im Spaß? „Wir Nordlichter haben Anstand, aber für andere übernehme ich keine Verantwortung.“ Wohlan. Weiter runter muss ich gar nicht. Zwei von den Jungs kommen nämlich die Treppe hoch. „Sag mal, ist das ein Schalke-Trikot? Machst Du gerade eine Nahtoderfahrung oder was ist da los?“ Für einen kurzen Moment überlege ich zu rennen... aber nein. Der Unbekannte kommt mir zuvor: „Glückwunsch“, sagt er da mit herzlichem Lächeln und Schulterklopfer, klatscht dann noch ab, zieht weiter.

Höflich, aber ohne Hoffnung?

Ein allerletztes Mal droht die Situation kurz vor Abschluss noch zu eskalieren. „Die erste Heimniederlage, Mensch!“, ruft’s von der Ehrenwandtribüne, „und das gegen so einen Drecksverein!“ Doch kaum habe ich eine Augenbraue hochgezogen, folgt rasch ein sicher ernst gemeintes „Tschuldigung“. Angenommen.

Für mich ist die Sache hier erledigt, für die schwarzgelben Gastgeber noch nicht. „Das lässt sich Bayern nicht mehr nehmen“, heißt’s, „die schießen Nürnberg jetzt mit 5, 6 Toren weg“. Ich bin verwundert, haben die Nordlicht-Borussen doch schon ganz andere Spielzeiten durchgemacht und packende Schlussphasen (außer gegen Schalke) erlebt. Drei Spiele sind noch zu absolvieren, neun Punkte zu vergeben. Am Samstagabend liegt der BVB nur einen Zähler hinter den Bayern. Aufgabe? Mensch Leute, Ihr seid doch nicht Schalke! (Das vermerke ich mir aber nur auf meinem Block und sage es nicht laut.)

Danke und Glück auf!

Denn so respektvoll und wirklich freundschaftlich man mich empfangen und behandelt hat, möchte auch ich in Erinnerung bleiben. Die Jacke wird bis zum Halse hoch geschlossen, der blau-weiße Schal tief in der Tasche versteckt, eine allzu freudige Mimik mit einem nüchtern-sachlichen „Ja, vielen Dank für alles und alles Gute für Euch, woll?“ übertüncht, Hände hier wie dort geschüttelt.

Als Märtyrer für alle Schalker dieser Welt in die schwarzgelbe Hölle gewagt, ziehe ich dann doch als bloßer „Schlumpf“ von dannen. Als überglücklicher, zugegeben - weil es mir die Mädels und Jungs von den Nordlicht-Borussen eben doch so herrlich leicht gemacht haben, hier ein Schalker sein zu dürfen. Danke und Glück auf!

Nachtrag am Sonntagmorgen: Ein Leser hat sich bei mir gemeldet, einen wunderbaren Kommentar gegeben, den ich hier auszugsweise einfach mal zitieren möchte: „Ich persönlich finde das Getue um Derbys furchtbar. Selbst kleinen Fußballkindern wird schon eingeimpft, dass es nichts schlimmeres gibt als den Nachbarverein und dass dort auch etwas härter zugetreten werden darf - ein fieser Nährboden für Intoleranz und Ausgrenzung. Ich wünschte, es würden noch viel mehr Menschen den Mut aufbringen, den Weg zu ihren Nachbarn suchen und sich an dem zu erfreuen was ist – Nachbarschaft und Sport!“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen!

Übrigens: In der 3Raumwohnung wird jedes BVB-Spiel gezeigt. Auch Nichtmitglieder des Fanclubs sind hier willkommen, dann aber bitte und bloß in feinstem schwarzgelben Zwirn – „um mit uns gemeinsam den geilsten Verein der Welt anzufeuern“, wie Martin sagt und auch so meint.

Mehr Infos, Daten und Zeiten gibt’s auf dieser Website der Nordlicht-Borussen!