Kinderhospiz «Löwenherz» feiert Einjähriges - «bringt uns viel Kraft»

Deutsche Presse-Agentur

Kinderhospiz «Löwenherz» feiert Einjähriges - «bringt uns viel Kraft»
Von Vera Jansen, dpa

Syke (dpa/lni) - Eine große Giraffe, ein Löwe und ein Teddybär
empfangen den Besucher im Kinderhospiz «Löwenherz» in Syke. Alles ist
hell und freundlich. Warme, sonnige Farben verbreiten eine behagliche
Atmosphäre. Das einzige Kinderhospiz in Niedersachsen feiert an
diesem Wochenende seinen ersten Jahrestag. Am 10. Oktober 2003 zogen
die ersten unheilbar kranken Kinder ein. «Ich bin froh, dass es das
Haus gibt», sagt Barbara Schmidt aus Bremen, Mutter der mehrfach
behinderten Melina. Die Vierjährige war schon drei Mal für einige
Tage im «Löwenherz».

«Unser Ziel ist es, Familien mit schwer kranken Kinder zu
stärken», sagt die Initiatorin und Leiterin des Hauses, Gaby Letzing.
Bis zu vier Wochen im Jahr können die Kinder zusammen mit
Geschwistern und Eltern im Haus betreut werden. «Wir wollen auf ein
abschiedliches Leben vorbereiten und die Familien auf dem Weg dorthin
begleiten und stärken.» Während die schwer kranken Kinder von
Pflegekräften liebevoll umsorgt und medizinisch versorgt werden, gibt
es für die Eltern und Geschwister Gesprächsrunden, psychologische
Beratung und andere Aktivitäten.

«Eine Last fiel mir von den Schultern», erinnert sich Melinas
Mutter an das erste Familienwochenende mit den beiden großen Töchtern
Vanessa (14) und Jessica (12) im Kinderhospiz. «Ich konnte das erste
Mal seit Jahren wieder durchschlafen.» Melina ist Tag und Nacht auf
Hilfe angewiesen. Sie hat eine vorgeburtliche Hirnschädigung, Leber
und Nieren sind mit betroffen. Atemprobleme, Krampfanfälle und auch
Lungenentzündungen schwächen immer wieder den kleinen Körper.

«Nach der Geburt haben die Ärzte Melina eine Lebenserwartung von
einem halben Jahr gegeben», sagt Schmidt. Seit dem beschäftige sie
sich sehr oft mit dem Tod der Tochter. «Ich habe immer noch Angst vor
ihrem Tod.» Dank «Löwenherz» könne sie heute damit aber besser
umgehen. «Das Hopiz bringt uns sehr viel Kraft, auch weil man merkt,
man ist nicht alleine. Das ganze Haus ist eine große Familie.»

Richtig sauer ist Schmidt aber auf die Krankenkasse. «Bislang ist
jede Kostenbeteiligung für die Aufenthalte Melinas im Kinderhospiz
mit dem Hinweis "es liegt keine Krisensituation vor" abgelehnt
worden». Der Arzt, der im Auftrag der Krankenkasse das Gutachten
geschrieben habe, «hat Melina nie gesehen und kennt sie nur aus der
Akte». Schmidt: «Bei uns ist immer Krisensituation.»

Auch Hospiz-Leiterin Letzing kennt die Problematik. Trotz eines
Modellvertrages mit allen Krankenkassen in Niedersachsen würden im
ersten Schritt nur die Hälfte der Anträge genehmigt. «Nach
Widerspruch erreichen wir eine Genehmigung von etwa 80 Prozent.»
Meist heißt es, es gehe nur um die Entlastung der Eltern. Bei einem
von den Kassen anerkannten Tagessatz im Hospiz von 320 Euro
übernehmen sie nach Angaben Letzings maximal 144,90 Euro für das
kranke Kind. «Den Rest finanzieren wir über Spenden.»

Das Kinderhospiz braucht deshalb jedes Jahr 400 000 Euro an
Spendengeldern. «Im ersten Betriebsjahr hat das geklappt.» Es gebe
eine große Solidarität in der Bevölkerung. Der Verein «Kinderhospiz
Löwenherz» hat inzwischen 920 Mitglieder. «Der Mindestbeitrag im Jahr
beträgt 31 Euro, viele zahlen aber weitaus mehr», sagt Letzing. Im
ersten Jahr wurden 70 Familien im Löwenherz betreut. Drei unheilbare
kranke Kinder starben.

Bundesweit gibt es inzwischen sieben Kinderhospize, die nach den
Worten Letzings alle nach dem gleichen Konzept arbeiten. «Wir wollen
das Sterben erlauben.»
dpa ja yyni hoe
300414 Sep 04