Wenn Schmetterlinge auf die Reise gehen

Weserkurier 16.09.2006
 
NIEDERSACHSEN

Ulrike Senn ist Krankenschwester im Syker Kinderhospiz Löwenherz / „Das ist kein trauriger Ort“
 
SYKE. Sie tanzen unter der Decke der Eingangshalle, lebendig und leicht. Bunte, aus Papier gebastelte Schmetterlinge, die je ein Kinderfoto auf ihren zerbrechlichen Flügeln tragen. Es sind Fotos von todkranken Kindern, die im Syker Kinderhospiz Löwenherz gepflegt werden. Hier arbeitet Krankenschwester Ulrike Senn. „Dies ist kein trauriger Ort“, betont sie – und gewährt Einblick in eine Welt, wo Leben und Tod selten dicht miteinander verwoben sind.

Wenn eines der Kinder stirbt, wird sein Schmetterling von der Decke genommen und erhält einen neuen Platz an einer Sonne. Auch jetzt hängt dort wieder ein kleiner Schmetterling. Darunter flackert das Licht einer Kerze. Entzündet für einen Jungen, der kurz nach seinem dritten Geburtstag starb. Neben der Kerze liegt ein aufgeschlagenes Album. Ein weiteres Foto des Kindes, Abschiedsworte der Eltern, der Geschwister, von Freunden – voller Schmerz und Liebe. Nach der Beerdigung wird der Schmetterling an einem Gasballon in den Himmel steigen. Die letzte Reise.

Im selben Raum wartet ein stabiler Tischkicker auf das nächste spannende Match, reckt eine riesige Stoffgiraffe ihren Hals unter die Decke, steht sprungbereit ein Löwe aus Pappmachee. Fröhliche, einladende Symbole für Kraft und Vitalität. „Das unmittelbare Nebeneinander von Leben und Tod ist Teil unserer Arbeit und unseres Konzeptes“, erklärt Kinderkrankenschwester Ulrike Senn. Bei Löwenherz werden nur Kinder mit tödlich verlaufenden Krankheiten aufgenommen, bei denen eine Heilung nach dem heutigen Stand der Medizin ausgeschlossen ist. Kinder mit „lebenslimitierenden Erkrankungen“, die sich oft bereits in der „Finalphase“ des Lebens befinden, wie es im nüchternen Medizinerdeutsch heißt. Derzeit gibt es acht Pflegeplätze und 45 Mitarbeiter bei Löwenherz.

Eltern und Geschwister können die kranken Kinder begleiten, sie haben Familienzimmer im ersten Stock, können spielen, toben und lachen. „Ja, bei uns wird viel gelacht, was sich manche gar nicht vorstellen können“, berichtet Ulrike Senn. „Vor allem, wenn die Geschwisterkinder da sind“. Dann wird am Tischkicker um Tore gefightet, mit den Meerschweinchen im Garten gespielt und gemeinsam im geräumigen Speisesaal gegessen.

Ulrike Senn steht im malerischen Garten von Löwenherz. Neben ihr im Rollstuhl sitzt Kilian aus Heilbronn. Seit drei Wochen wird er bei Löwenherz gepflegt. Kilian ist zehn Jahre alt, hat einen angeborenen Hydrozephalus, er leidet unter Krampfanfällen und Infekten. Seine Hände sind versteift. Über einen Schlauch wird Nahrung in seinen Magen gepumpt. Ulrike Senn setzt sich neben Kilian, beobachtet ihn. An kleinsten Regungen in Kilians Gesicht und an bestimmten Lauten erkennt sie, was Kilian möchte.

„Ich merke, dass er zu lange in seinem Stuhl ist“, sagt die 43-Jährige. „Das gefällt Kilian nicht. Er will kuscheln.“ Behutsam hebt sie den Jungen aus dem Rollstuhl und schließt ihn in ihre Arme. Mit der rechten Hand massiert sie seine Brust.

„Er beginnt sich zu entspannen“, spürt Ulrike Senn und lächelt. Es sind diese kleinen Dinge, die Ulrike Senn die Überzeugung liefern, das Richtige zu tun. „Ein Ort, wo schwerstkranke Kinder leben, kann sehr gut auch ein Ort der Freude, der Harmonie und der Entspannung sein. Das spüren die Kleinen.“

Natürlich, sie könnte auch Kinderkrankenschwester in einem „normalen“ Krankenhaus sein. Doch hier, bei Löwenherz, hat sie einen ganz anderen Kontakt zu den jeweiligen Patienten, ist für ein, maximal zwei Kinder zuständig. Da entsteht eine ganz andere Beziehung, eine ganz andere Nähe.

Eine Nähe, die auch weh tut, wenn das Kind stirbt. „Ich setze mir keine Schranke, wie weit ich das an mich heranlasse“, sagt Ulrike Senn. Der Tod bedeute hier auch vielfach eine Erlösung, hat Ulrike Senn erfahren. Dennoch, der Schmerz kommt und er ist oft massiv. „Ich trauere, natürlich“, erzählt Ulrike Senn. Gespräche mit Kollegen helfen ihr, über den Tod eines Kindes hinweg zu kommen.

Aber das ist nur die eine, die dunkle Seite. Auf der anderen stehen Spaziergänge mit den Kindern (Ulrike Senn: „Sie sollen die Sonne und den Wind spüren“), das gemeinsame Baden im Whirlpool, das Massieren oder ein Besuch im Snoezelraum. Snoezelen – sprich snuseln – ist ein Kunstwort aus dem Niederländischen, eine Mischung aus „snuffelen“ (riechen, schnüffeln) und „doezelen“ (ruhen, dösen). Im Snoezel-Raum von Löwenherz liegt das Kind auf einem Wasserbett. Sanfte Musik erklingt, in einer senkrechten Röhre aus Plexiglas schweben Luftblasen. An die Wand werden bunte Fantasierfiguren projiziert. Entspannung pur. „Die Kinder lieben das“, weiß Ulrike Senn.

Nicht nur die Kinder genießen den Aufenthalt bei Löwenherz, sondern auch deren Familien. Die Pflege eines schwerstkranken Kindes ist eine 24-Stunden-Aufgabe, die die Eltern oft an die Grenzen der Belastbarkeit treibt.

Während des Aufenthalts bei Löwenherz werden die Eltern vom versierten Pflegepersonal entlastet, sie können neue Kraft tanken, sind aber dennoch bei ihrem Kind, wenn sie mögen. Ein Blick auf die Homepage von Löwenherz (www.kinderhospiz-loewenherz.de, Link „Elternseite“) zeigt, wie überzeugend das Konzept von Löwenherz offenbar ist.

Ulrike Senn zupft eine Socke von Kilians rechtem Fuß. Dann beginnt sie, den Fuß zu massieren, mit kreisenden, langsamen Bewegungen. „Diese Arbeit bereichert mein Leben“, sagt Ulrike Senn leise. „Es ist schön, die Kinder zu begleiten und ihnen Freude zu machen. Gerade weil ihre Lebenszeit so begrenzt ist.“