„Leben lebt von Überraschungen“

Kreiszeitung Syke 11.01.2007
Landkreis Diepholz

 

Erster Neujahrsempfang im Kinderhospiz „Löwenherz“: Annelie Keil erzählt die Geschichte vom Ei


LANDKREIS. (sdl) – Der Überraschungsgast trug bunte Flügel. Lebhaft flatterte ein Schmetterling am Fenster der „großen Oase“ im Kinderhospiz „Löwenherz“, während die Hausleiterin Gaby Letzing mit ihren Gästen über das unverhoffte Symbol staunte. Denn mit allen schwerkranken Kindern, die das Syker Haus besuchen, basteln die Mitarbeiter einen Schmetterling. Werke, die im Eingangsbereich des Kinderhospizes zu bewundern sind – Ausdruck der Lebensfreude.

Aber was ist Leben? Welche Unterstützung braucht Leben und wann ist Leben gefährdet? Die renommierte Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil spürte diesen Fragen gestern während des ersten Neujahrsempfangs des Kinderhospizes ebenso einfühlsam wie humorvoll und überzeugend nach. Denn in vielen ihrer Feststellungen erkannten die rund 40 Gäste – Freunde, Unterstützer und Partner des Hospizes – eigene Erfahrungen. Oder nicht?

Atmen, Essen und Trinken: alles sei eine Entscheidung des Menschen. „Wer das nicht glaubt, muss nur einmal die Luft enthalten“, forderte die Bremer Professorin im (Un-)Ruhestand zum Test dieser These auf.

Sie präsentierte den Gästen „Die wahre Geschichte vom Überraschungsei“: die Geschichte des Lebens vom Moment der Zeugung bis zur eigenen Biografie, zu der – genau wie die Geburt – unweigerlich der Tod gehört.

„Leben verspricht gar nichts. Aber es hält viel“, gab die Referentin zu bedenken. Niemand wisse, wann er am Ende seines Lebens sei – es müsse nicht das Rentenalter sein. „Es gibt kein richtiges oder falsches Sterben“, mahnte Annelie Keil.

Ihre feste Überzeugung, weil Erfahrung: „Leben lebt von Überraschungen.“ Das Geheimnis des eigenen Lebens zu lüften, das brauche Zeit, Geduld und Phantasie. Das Leben sei ein Geschenk. Manchmal bleibe es ungeöffnet liegen, dann wieder sei es mit Samt und Seide verpackt – und manchmal mit Stacheldraht, um es vor anderen zu schützen. Träumen bedeute, dem Geschenk des Lebens offen zu begegnen. „Löwenherz ist das Ergebnis eines Traums!“, so die Bremerin.

Die Wissenschaftlerin, die sich unter anderem mit der Embryologie und der Hirnforschung befasste, reiste mit ihren Zuhörern zurück zum Ursprung des „Überraschungseis“, zurück zum Moment der Zeugung, in dem sich Ei und Samenzelle gegenseitig zum Leben verführen: „Leben ist von der ersten Sekunde an Begegnung, Kontakt und Bewegung.“ Das Menschwerden – von der Einnistung in den Uterus, die Annelie Keil schmunzelnd als „Hausbesetzung“ beschrieb, über die Kündigung nach neun Monaten“ und die unglaubliche Leistung des Kindes bei der Geburt bis zum ersten Schrei schilderte die Professorin eindringlich. Und damit den Weg eines jeden, unverwechselbaren Menschen. „Im Lebendigen gibt es keine Kopie“, stellte die Referentin fest. „Wir bleiben urheberrechtlich geschützte Originale.“ Und deshalb, so schlussfolgerte die Wissenschaftlerin, gebe es kein „normales“ Denken – und auch keine „normale“ Liebe. Ihre Botschaft an die Gäste des Neujahresempfanges im Kinderhospiz: Der Versuch, wie ein anderer zu sein, lässt nur das eigene Selbst verkümmern. Nur indem wir leben, lernen wir das Leben kennen und verstehen.

Ihre Geschichte vom „Überraschungsei“ ermutigte dazu, „Selbst-bewusst“ zum eigenen „Ich“ zu stehen. „Wenn wir das Licht in uns erstrahlen lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, dasselbe zu tun“, zitierte Annelie Keil Nelson Mandela – und hatte dabei besonders die Mitarbeiter des Kinderhospizes im Blick.