Kinderhospiz: Wo Eltern den Tod nicht verdrängen - und Kraft tanken

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung - haz.de 07.09.2008
von Gabriele Schulte

Ferienhaus der besonderen Art: Das Kinderhospiz „Löwenherz“ feiert sein fünfjähriges Bestehen. Es ist das einzige in Niedersachsen, und das reicht. Bei ambulanten Diensten gibt es allerdings noch Nachholbedarf.

Es ist ein Ferienhaus der besonderen Art. Das Kinderhospiz „Löwenherz“ am Ortsrand von Syke (Kreis Diepholz) lädt sterbenskranke Kinder und ihre Familien dazu ein, Urlaub von ihrem schweren Alltag zu machen. Und das seit fünf Jahren: Am 20. September wird im einzigen niedersächsischen Kinderhospiz Geburtstag gefeiert.

Zuhause lässt sich der Tod eher verdrängen. „Unser Sohn ist sechs Jahre alt“, erzählt Magnus Bornhorst, Vater des unheilbar kranken Moritz. „Da schiebt man den Gedanken an sein Sterben natürlich weit vor sich her.“ Nun, da die ganze Familie für eine Woche nach Syke gekommen ist, hätten sie sich mit anderen Eltern über das Thema ausgetauscht, und daraus neue Kraft für den Alltag gezogen.

Der 36-Jährige schwärmt von der „unglaublichen Atmosphäre“ im Kinderhospiz – freundlich und hell, auch Moritz sei hier sehr ausgeglichen. Während eine Kinderkrankenschwester den schwer behinderten Jungen im Whirlpool entspannen lässt, der wegen einer Gehirnerkrankung seit der Geburt an Entwicklungsstörungen und Krampfanfällen leidet, tobt seine achtjährige Schwester mit anderen gesunden Geschwisterkindern auf einem Kettcar durch den Garten. Und die Eltern genießen es, auch mal Ausflüge nur mit Erwachsenen unternehmen zu können.

Für Familie Bornhorst ist es der erste Aufenthalt im Kinderhospiz. Viele andere sind Wiederholer: Zweimal im Jahr dürfen Eltern und Kinder sich bei „Löwenherz“ 14 Tage lang ausruhen. 225 Kinder mit Stoffwechsel- und anderen „lebenslimitierenden“ Krankheiten haben das Angebot in den ersten fünf Jahren genutzt. 71 von ihnen sind inzwischen gestorben – manche im eigens dafür eingerichteten Abschiedsraum des Hospizes.

Im Garten erinnern bunt bemalte Findlinge an diese Gäste, die nun nicht mehr hierher kommen können. „Löwenherz“-Leiterin Gaby Letzing hat das Haus vor fünf Jahren mit gegründet. Vor zehn Jahren schon stand sie an der Spitze des Vereins, der sich nach dem Vorbild von Kinderhospizen in England und im sauerländischen Olpe für eine solche Einrichtung einsetzte. Seitdem habe sich für die betroffenen Familien viel getan, meint die 47-Jährige. „Es hilft den Eltern sehr, dass das Thema in der Öffentlichkeit jetzt kein Tabu mehr ist.“

Aufgeräumt worden ist auch mit dem Vorurteil, ein Kinderhospiz diene dem Abschieben sterbender Kinder. Schließlich geht es um die Pause vom Alltag. „Wir bleiben danach mit den Familien in Kontakt“, sagt Leiterin Letzing. Für den Großraum Bremen wurde inzwischen ein ambulanter Begleitdienst gegründet. Hospizmitarbeiter aus ganz Niedersachsen können sich zudem in Syke fortbilden lassen.

Die Spendenbereitschaft für „Löwenherz“ ist ungebrochen, rund 45.000 Euro werden jeden Monat benötigt. Um die Finanzierung auf Dauer zu sichern, ist eine Stiftung gegründet worden. Der Bedarf an stationären Einrichtungen sei mit „Löwenherz“ in Niedersachsen gedeckt, meint Letzing. Bei den acht Patientenplätzen werde es nur in den Ferien eng. Bei ambulanten Diensten gibt es dagegen noch Nachholfbedarf, haben Forscher der Universität Oldenburg bei einer noch nicht beendeten Studie zu Kinderhospizen bereits festgestellt.

Für das nächste Jahr hat sich Moritz’ Familie schon vorsorglich in Syke angemeldet. Erstmal will Magnus Bornhorst aber an einem vom Kinderhospiz organisierten Wanderwochenende teilnehmen – mit anderen betroffenen Vätern.