Todkranke Kinder rühren Schülerherzen

Quelle: Stemweder Zeitung, 05.12.2008

WESTFALEN-BLATT-Chefreporter Christian Althoff berichtet über Kinderhospiz Löwenherz

Von Dieter Wehbrink

Stemwede-Oppendorf (WB). Völlig gebannt blicken die Schüler der Klasse 1a der Freien Evangelischen Grundschule Stemwede in Oppendorf auf die Leinwand im Klassenraum. Chefreporter Christian Althoff ist aus Bielefeld angereist, um den Schülern Bilder aus dem Kinderhospiz Löwenherz in Syke zu zeigen. Die Einrichtung bekommt die Spenden der WESTFALENBLATT- Weihnachtsaktion.

»Es ist kein einfaches Thema für dieses Alter. Ich bin optimistisch und wage das Experiment, meine Schüler im Religionsunterricht damit zu konfrontieren«, sagt Klassenlehrerin Maria Barg. »Ich heiße Christian und bin Reporter. Ich möchte euch etwas von Menschen erzählen, denen es nicht so gut geht wie euch.« Einfühlsam und kindgerecht berichtet Christian Althoff von seinen Besuchen in Syke. Schon nach wenigen Sekunden ist klar: Obwohl die Zuhörer Erstklässler sind, begreifen sie schnell die Bedeutung des Themas.

Hoch interessiert lassen sich die Kleinen die Bilder erklären. Anders als erwachsene Zuhörer, die bei den bedrückenden Bildern schwerstkranker Kinder Traurigkeit empfinden, scheinen die Schüler mit der Situation gut und unbelastet umgehen zu können. Maria Berg hat also mit ihrer Einschätzung völlig richtig gelegen. »Es gibt Kinder, die nie mehr gesund werden und sterben müssen, bevor sie erwachsen sind«, erzählt Althoff und beruhigt: »Ihr selbst müsst aber keine Angst haben, dass ihr solche Krankheiten bekommt.« Der Chefreporter beschreibt, wie wohltuend es für Eltern ist, wenn sie im Hospiz Hilfe bei der Pflege ihrer Kinder erhalten. »Stellt euch vor, dass sich Vater und Mutter auch nachts stark um ihr Kind kümmern müssen. Sie wechseln Windeln, geben Medikamente und drehen die Körper im Bett um, weil es das Kind selbst nicht kann. Die Eltern sind todmüde, weil sie keine Nacht richtig schlafen können. Sie werden dadurch sogar selbst krank. Im Hospiz übernehmen Mitarbeiter nachts die Pflege, die Eltern kommen zur Ruhe.« Althoff zeigt Bilder vom Dominik (7), der sich geistig zurückentwickelt, gewindelt werden muss und nur noch eine Lebenserwartung von drei Jahren hat. Er präsentiert Aufnahmen von Christian (20), der als Baby schon krank war, weder sehen noch hören kann und im Rollstuhl sitzen muss.

Althoff hat ihn im Hospiz gemeinsam mit seinem Opa fotografiert, der sich rührend um den Jungen kümmert. Da ist Kristin (19), die ein ähnliches Schicksal wie Christian hat. Auf dem Foto liegt sie – wie immer – im Bett und sieht aus wie ein kleines Kind. »Nehmen Sie das Baby mit nach Hause. Es stirbt in den nächsten Tagen«, haben die Ärzte ihrer Mutter bei der Geburt gesagt. Beim Bild von Kristin gibt der Reporter den Schülern einen wichtigen Hinweis, den sie sofort verstehen: »Die Mutter hat mir erzählt, dass Kristin nicht traurig über ihr Schicksal ist, denn sie hat nie einen anderen, besseren Zustand kennengelernt. « Um dies zu unterstreichen, zeigt Althoff ein Bild von Christin und deren Großmutter. Letztere ist darauf nicht todtraurig zu sehen, sondern lächelt entspannt. »Die Oma sieht es genauso. Man braucht kein Mitleid haben.« Mit diesem Wissen wirken die Bilder vom schwerstbehinderten Lars, der Musik liebt und zu lächeln scheint, als eine Betreuerin ihm etwas auf der Gitarre vorspielt, doch sehr tröstlich.

Als die Aufnahmen von Klaas gezeigt werden, jenem kleinen Jungen, der so viel weint, wenn man ihn nicht auf den Arm nimmt, erklärt Althoff die Funktionsweise einer Magensonde. »Lars kann nicht schlucken, deshalb bekommt er Tee und Brei mit einer Spritze über den Schlauch in den Magen. « Gut verstehen können die Oppendorfer Schüler, dass sich die schwerkranken Syker Kinder so gern in dem so genannten »Snoezelraum« aufhalten. Ein Wasserbett, Tücher, Kuscheltiere und bunte Lichter – »das finden wir auch ganz toll«, sagen die Erstklässler. Sie nehmen es mit erstaunlicher Sachlichkeit auf, dass die Eltern und Geschwister für jedes gestorbene Kind – in fünf Jahren immerhin 75 von 235 betreuten Patienten – einen Pappschmetterling mit Namen und Foto am Luftballon in den Himmel steigen lassen. Spätestens bei diesen Schilderungen Althoffs müssen Erwachsene – vor allem, wenn sie selbst Eltern sind – eine Träne aus dem Auge wischen. Wie nachdenklich die Schüler geworden sind, zeigt die abschließende Gesprächsrunde. Fast jedes der 20 Kinder erzählt Christian Althoff in rührender Form eine ganz persönliche Krankengeschichte – entweder die eigene oder die von nahen Verwandten. Der Bielefelder Reporter, dem das Hospiz weit über das berufliche Maß hinaus am Herzen liegt, ist bewegt, als ihm die Schüler aus ihrer Bastelkasse 20 Euro überreichen – natürlich für das »Löwenherz «.

 

 Stemweder_Zeitung_051208.pdf