Britney braucht ständige Hilfe

Quelle: Westfalen Blatt, 22/23.11.2008

Bünde (WB). Britney ist erst sieben, aber sie war schon 27 Mal im Krankenhaus. »Und einige Male ging es dabei um Leben und Tod«, sagt ihre Mutter Kathrin Saurer (41). Das Mädchen muss seit seiner Geburt Tag und Nacht versorgt werden. »Auftanken können wir nur, wenn wir ab und zu mit der Familie für ein paar Tage im Kinderhospiz Löwenherz sind.« Es war eine ganz normale Schwangerschaft. Aber eines Abends in der 37. Woche drehte sich das Mädchen so unglücklich im Mutterleib, dass eine Ader an der Nabelschnur riss und das Ungeborene mit jedem Herzschlag Blut aus seinem kleinen Körper pumpte. »Zum Glück hatte ich am nächsten Morgen einen Vorsorgetermin «, sagt die Mutter. Der Gynäkologe erkannte die Notlage des Babys. Wenig später wurde Britney im Krankenhaus Bünde per Not-Kaiserschnitt geholt und später in der Kinderklinik Herford in mit Blutkonserven versorgt. »Durch den hohen Blutverlust hatte das Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommen«, erzählt Kathrin Saurer. Deshalb ist Britney körperlich und geistig schwerst behindert. »Unsere Tochter kann nicht sprechen, sie kann kaum sehen, sie kann nicht schlucken, sie kann ihren Körper nicht aufrecht halten, und das Atmen fällt ihr sehr schwer.«

Das Mädchen bekommt deshalb ständig Sauerstoff aus einem großen Tank, der neben dem Pflegebett steht. Britney wird über eine implantierte Darmsonde ernährt, und mehrmals pro Stunde muss ihr mit einem Schlauch Sekret aus dem Rachen gesaugt werden.

»Fast fünf Jahre lang haben mein Mann und ich uns die Pflege geteilt. Dann waren wir einfach platt«, erzählt die 41-Jährige. Denn auch nachts hätte Britneys immer wieder von Sekret befreit werden müssen, dazu habe der Sauerstoff-Monitor immer wieder Alarm geschlagen. »Oft haben wir nur vier Stunden geschlafen. und die nicht einmal am Stück.«

Seit drei Jahren wacht nun eine Kinderkrankenschwester von 20 bis 6 Uhr am Bett des Mädchens und kümmert sich um die nächtliche Pflege – eine Hilfe, die die Krankenkasse bezahlt. Um 6 Uhr übernimmt Kathrin Saurer. Sie wäscht und wickelt ihre Tochter und versorgt sie mit Medikamenten.

»2003 ist mein Mann mit unserer örtlichen Selbsthilfegruppe zur Eröffnung des Kinderhospizes nach Syke gefahren«, erzählt Kathrin Saurer. »Er kam ganz begeistert wieder, weil die Atmosphäre dort so freundlich war und das Thema Tod überhaupt nicht im Vordergrund stand.«

Seit damals sind Andreas (47) und Kathrin Saurer, die Söhne Nils (19) und Patrick (17) und die Töchter Britney (7) und Pia (5) schon sechs Mal im Kinderhospiz gewesen. »Es ist die einzige Möglichkeit für uns, unser Haus in Bünde mal zu verlassen«, sagt die Mutter, die seit zehn Jahren keinen Urlaub mehr gemacht hat. Britneys Bruder Patrick: »Im Haus Löwenherz kümmern sich die Leute so gut um meine Schwester, dass unsere Eltern auch mal etwas mit uns unternehmen können.« Patrick erinnert sich an eine Schiffsfahrt nach Helgoland und einen Ausflug nach Bremen, seine Schwester Pia schwärmt davon, dass sie in Syke mit Mama reiten war.

»Natürlich gibt es auch traurige Tage im Hospiz«, sagt Kathrin Saurer. »2005 waren wir über Weihnachten dort. Am ersten Feiertag ist dort ein krebskranker Junge gestorben. Man versucht dann, für die betroffenen Eltern da zu sein, ohne sich aufzudrängen. « Das Verhältnis zwischen den Eltern sei oft sehr vertraut: »Manche kennen wir inzwischen gut, und wir freuen uns, wenn wir sie wiedersehen.« Überhaupt sei die Stimmung im Kinderhospiz Löwenherz keinesfalls so bedrückend, wie sich Außenstehende sie möglicherweise vorstellten: »Die Geschwisterkinder toben durchs Haus oder durch den Garten, und wir Eltern scherzen auch schon mal miteinander. Man kann ja nicht immer nur vor Augen haben, wie schlecht es dem eigenen Kind geht.«

 

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