»Papa, du musst nicht weinen!«

Quelle: Westfalen Blatt, 20/21.12.2008

Rica stirbt mit sechs Jahren im Kinderhospiz Löwenherz an Hirntumor

Von Christian Althoff

Syke (WB). Fleischermeister Friedrich von Höne (44) ist ein Bär von einem Mann. Zwei Meter groß, breitschultrig, 120 Kilogramm schwer. Doch wenn er sich an seine Tochter Rica (6) erinnert, bricht seine Stimme und man möchte mitweinen. Nur sechs Wochen und vier Tage hatten zwischen der Diagnose Hirntumor und dem Tod des dunkelblonden Mädchens gelegen. Am 3. Januar 2006 war Rica im Kinderhospiz Löwenherz gestorben. »Am 17. November 2005 hatte meine geschiedene Frau mich angerufen und gesagt, Rica fühle sich nicht gut und wolle unbedingt zum Arzt«, erinnert sich Friedrich von Höne, der in Rieste im Landkreis Osnabrück lebt. Der Kinderarzt schickte Mutter und Tochter ins Krankenhaus Osnabrück, von dort ging es noch am selben Tag per Hubschrauber in die Uniklinik Münster. Dort entdeckten Ärzte einen walnußgroßen Tumor, der den Abfluss des Hirnwassers blockierte und so für einen gewaltigen Druck im Kopf sorgte.

»Diese Diagnose hat mir den Boden unter den Füßen weggehauen «, sagt der Vater. Rica bekam Krämpfe und war nicht mehr ansprechbar. In einer Not-OP legten Neurochirurgen einen künstlichen Abfluss. »Als ich meine Tochter am nächsten Tag besuchte, war sie bester Dinge und begrüßte mich fröhlich. Da dachte ich, jetzt wird doch noch alles gut.« Doch ein paar Tage später lag das Ergebnis einer Gewebeuntersuchung vor. Es handelte sich um ein Glioblastom, die aggressivste Form eines Hirntumors. Und er konnte wegen seiner Lage nicht entfernt werden. »Das wollte ich nicht akzeptieren. Ich bin richtig laut geworden, als der Arzt mir die Wahrheit gesagt hat«, erinnert sich Friedrich von Höne. »Dein Kind sieht dich mit großen Kulleraugen flehentlich an, und du kannst nichts tun. Das ist die Hölle!« Die Chemotherapie und die Bestrahlungen, die eigentlich noch durchgeführt werden sollten, wurden gestrichen, weil Rica so rapide abbaute.

Der 44-Jährige glaubt, dass seine Tochter damals gespürt hat, dass sie sterben wird – lange bevor die Eltern es wussten. »Sie sagte: Oma, erzählst du mir vom Lieben Gott? Und sie hat sich aus der Bibel vorlesen lassen.« Friedrich von Höne verliert den Kampf mit den Tränen, als er sich an jene Tage im Dezember 2005 erinnert: »Ich stand an Ricas Bett, und sie hat mich getröstet. Papa, du musst nicht weinen! Wenn ich tot bin, habe ich doch keine Schmerzen mehr, hat sie gesagt.« Am Tag vor Heiligabend war der Tumor bereits so groß, dass Ricas rechte Seite gelähmt war. »Die Ärzte haben zu uns gesagt: Nehmen Sie Ihre Tochter mit und verbringen Sie die Feiertage im Kinderhospiz Löwenherz. Da ist es schöner als hier im Krankenhaus.« Es war das letzte Weihnachtsfest im Leben des Mädchens, das erst ein paar Monate vorher eingeschult worden war. »Rica hat im Gemeinschaftsraum des Hospizes auf meinem Schoß gesessen, und wir haben Geschichten gehört, die jemand vorgelesen hat«, erinnert sich Friedrich von Höne. Nachbarn seien mit ihrem Kater Moritz zu Besuch ins Hospiz gekommen, wo Rica sich von dem geliebten Tier verabschiedet habe. »Es ist unglaublich, wie toll unsere Familie damals im Haus Löwenherz aufgenommen worden ist. Was die Menschen dort emotional leisten, kann man sich gar nicht vorstellen«, sagt Friedrich von Höne. Er hält bis heute Kontakt zu dem Hospiz hält und fährt manchmal noch nach Syke, um sein Leid mit den Mitarbeiterinnen zu teilen. »Am 3. Januar 2006, als Rica gestorben war, haben wir alle mit einer Kerze in der Hand zusammengestanden, und jeder hat erzählt, was ihm zu Rica eingefallen ist«, sagt der 44-Jährige. Natürlich wird er nie vergessen, was das sechsjährige Mädchen zum Abschied zu ihm gesagt hat: »Papa, bevor ich gehe, möchte ich dir sagen: Du bist die große Liebe meines Lebens!« 

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