Seelsorger fängt Familien auf

Quelle: Westfalen Blatt, 06-07.12.2008

Theologe Jörg Sbrisny arbeitet seit fünf Jahren im Kinderhospiz Löwenherz

Von Christian Althoff

Sy k e (WB). Es wird ein schwerer Tag für Jörg Sbrisny (48), den Seelsorger im Kinderhospiz Löwenherz. »Heute kommt eine Familie mit einem zwei Jahre alten Jungen, der in Kürze sterben wird«, sagt der Theologe, der seit Gründung des Kinderhospizes dort arbeitet. Ein todkrankes Kind zu haben sei die größte emotionale Krise, in die Eltern geraten könnten, sagt der frühere Gemeindepastor, der selbst einen Sohn hat. »Diese Menschen kann man nicht trösten. Es gibt nichts Schlimmeres als Seelsorger, die Eltern in einer solchen Situation mit frommen Sprüchen kommen«, meint der Theologe, der seit der Gründung des Hospizes vor fünf Jahren schon von 75 Kindern Abschied nehmen musste. Morgens besucht Jörg Sbrisny als erstes die kranken Jungen und Mädchen in ihren Zimmern und wünscht ihnen einen schönen Tag. Dann frühstückt er mit den Eltern. »Viele sprechen mich von sich aus an. Sie erzählen, wie die Nacht war, und wie es ihrem Kind geht. Sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört und ihre Sorgen mitträgt. Das alte Sprichwort vom halben Leid, das geteiltes Leid ist, stimmt tatsächlich. « In fünf Jahren Hospizarbeit hat Jörg Sbrisny erlebt, dass selbst streng gläubige Menschen irgendwann an Gott zweifeln. »Die Mutter eines todkranken Kindes hat mir erzählt, dass sie in die Kirche gegangen ist, sich überzeugt hat, dass außer ihr niemand dort war, und dann Gott angeschrien hat.« Und ein Vater habe zu ihm gesagt, er könne seit dem Tod seiner Tochter nicht mehr beten. »Ich habe diesen Eltern erklärt, dass ich sie verstehe. Denn diese Menschen sind in Ausnahmesituationen, in denen ich nicht missionarisch tätig werden kann«, sagt Jörg Sbrisny. Der Seelsorger sieht seine Hauptaufgabe deshalb darin, solchen Familien zur Seite zu stehen. »Sie fühlen, dass sie bei uns im Hospiz nicht im Stich gelassen werden.« Denn genau das passiere Eltern sterbender Kinder sehr oft: »Freunde brechen aus Verunsicherung den Kontakt ab, und die Nachbarn wechseln die Straßenseite, wenn ihnen die Familie entgegenkommt «, weiß der Theologe. Auch wenn manche betroffene Eltern an Gott zweifelten – im Angesichts des Todes sei es dann doch der Glaube, der vielen helfe: »Ob Muslim oder Christ: Alle hoffen, dass ihr totes Kind nicht ins Leere fällt, sondern aufgefangen wird. Diesen Glauben gibt es in allen Kulturen. Er ist die häufigste Strategie, um eine solche Krise durchzustehen«, sagt der Seelsorger. In vielen Gesprächen mit krebskranken Mädchen und Jungen hat Jörg Sbrisny erfahren, dass Kinder mit ihrem bevorstehenden Tod oft besser fertig werden als ihre Eltern. »Es gibt Kinder, die wollen nicht länger leiden, aber sie können nicht sterben, weil sie Mutter und Vater nicht traurig machen wollen«, sagt der Theologe. Für Kinder seien drei Dinge ganz wichtig, um beruhigt zu gehen: »Sie müssen die Erlaubnis ihrer Eltern haben, dass sie sterben dürfen, um nicht mehr länger zu leiden. Ganz wichtig für ein Kind ist es außerdem zu wissen, dass seine Eltern es über den Tod hinaus liebhaben. Und ein Kind muss eine Vorstellung davon haben, was mit ihm nach dem Tod geschieht.« So habe ihn ein sechs Jahre altes Mädchen, das gerade eingeschult worden war, gefragt, was denn aus ihm werde. »Ich habe das Kind gefragt, was es denn gerne sein würde, und es hat geantwortet: ein Schmetterling! Ich habe ihm gesagt, dass es dann auch bestimmt ein Schmetterling wird, und das Mädchen hat sich gefreut. « Ein Junge habe ihm versichert, er werde ein Schutzengel und müsse dann auf andere Menschen aufpassen. »Diese Hoffnung, dass es nach dem Sterben weitergeht – sie ist es, die den Gedanken an den Tod überhaupt erst erträglich macht«, sagt Jörg Sbrisny. 

 

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