Und manchmal fließen die Tränen

Quelle: Westfalen Blatt, 29-30.11.2008

Kinderkrankenschwester Karin Langer (42) aus Brakel arbeitet im Hospiz

Von Christian Althoff

Syke (WB). Wenn Karin Langer (42) erzählt, dass sie in einem Kinderhospiz arbeitet, erfährt sie oft Mitleid. »Die Menschen glauben, dass ich Tag und Nacht mit dem Tod konfrontiert bin. Aber das ist überhaupt nicht so«, sagt die Kinderkrankenschwester, die aus Brakel im Kreis Höxter stammt. Das Kinderhospiz Löwenherz in Syke bei Bremen. »Snoezelraum« steht an einer Tür im Erdgeschoss, durch die sanfte Musik auf den Flur dringt. In dem Zimmer sitzt Karin Langer auf einem beheizten Wasserbett und wiegt Aaron (6) in den Armen. Der Junge, der zu früh zur Welt gekommen war und einen unheilbaren Hirnschaden hat, lächelt die Krankenschwester zufrieden an. »Er mag dieses Zimmer«, sagt Karin Langer. Der Snoezelraum liegt im Halbdunkeln. Bunte Lichtstrahlen wandern langsam über die Wände, in einer wassergefüllten Plexiglassäule blubbern Luftblasen – eine entspannende Atmosphäre, in der Aaron seine Eltern nicht vermisst, die ihn für zwei Tage in die Obhut des Hospizes gegeben haben. Draußen im Garten liegen auf einem bepflanzten Hügel faustgroße, buntbemalte Findlinge mit Namen von Jungen und Mädchen. Jeder Stein erinnert an ein Kind, das im Hospiz Löwenherz gelebt hat und nun nicht mehr auf dieser Welt ist. Irgendwann wird hier auch ein Stein mit Aarons Namen liegen, sofern die Eltern des Jungen den Wunsch haben. Doch daran denkt Katrin Langer nicht. »Ich habe den Tod nicht ständig vor Augen. Dadurch, dass immer auch Geschwisterkinder durchs Haus toben, ist die Stimmung keineswegs so bedrückend, wie mancher sie sich vielleicht vorstellt«, sagt die 42-Jährige. »Unser Hospiz ist ein lebhaftes Haus.« Die Ostwestfälin, die heute in Bremen lebt, arbeitet hier seit 2003, als das Hospiz eröffnet wurde. Vorher war sie zwölf Jahre Kinderkrankenschwester im St.-Vincenz- Krankenhaus Paderborn, dann hatte Karin Langer an einer Kinderkrankenpflegeschule unterrichtet. Zuletzt war sie für eine deutsche Entwicklungshilfeorganisation zwei Jahre in Nepal, wo sie sich um Waisenkinder gekümmert hatte. »Ich habe viel erlebt. Aber die Arbeit im Hospiz ist eine besonders dankbare Aufgabe, weil man sieht, wie sehr man die Eltern entlasten kann«, sagt die Mutter eines dreieinhalb Jahre alten Jungen. »Im Krankenhaus ging es immer um Lebenserhaltung. Bei uns im Hospiz geht es um die Erhaltung der Lebensqualität von sterbenden Kindern und ihren Eltern «, erklärt die Krankenschwester. »Außenstehende mögen das kaum glauben, aber es gibt Familien, die seufzen erst einmal vor Erleichterung, wenn sie bei uns im Hospiz angekommen sind.« Denn viele Mütter und Väter seien durch die jahrelange Pflege aufgerieben und brauchten eine Auszeit. »Die kommen mit ihrem sterbenskranken Kind für ein oder zwei Wochen, um mal wieder durchzuschlafen oder gemeinsam spazierenzugehen.« Das Hospiz gebe den Eltern die Gewissheit, dass sie ihr Kind auch mal alleine lassen können, weil es so umsorgt wird wie zu Hause. »Im Gegensatz zu einem Krankenhaus können wir uns völlig auf das Kind einstellen. Wir lassen uns von den Eltern beispielsweise die Schlafgewohnheiten schildern. Ob ihr Kind abends mit Musik einschlummert, ob es ein Nachtlicht braucht, auf welcher Seite es am liebsten liegt, ob es ein Kuscheltuch hat: Auf alle diese Dinge nehmen wir Rücksicht«, sagt die Kinderkrankenschwester, die mit ihren Kolleginnen in drei Schichten arbeitet. Der enge Kontakt zu den Kindern und Eltern sei es, der ihren Beruf so erstrebenswert mache, sagt Karin Langer. »Wir sind nicht die Pflegeprofis mit der harten Schale, die nur ihren Job erledigen, sondern wir sind eins mit den Familien und leiden mit ihnen. Und manchmal fließen eben auch bei uns die Tränen.«

 

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