Weihnachten im Kinderhospiz

Quelle: Westfalen Blatt, 24.12.2008

Familien mit ähnlichen Schicksalen schätzen die gemeinsame Zeit

Von Christian Althoff

Syke (WB). Als letztes Kind, das Weihnachten im Hospiz Löwenherz verbringt, wird am Heiligen Abend noch ein kleines Mädchen mit seiner Großmutter erwartet. »Das Kind hat Krebs, und die alleinerziehende Mutter ist hochschwanger«, sagt Gaby Letzing, die Leiterin des Hauses.

Das Hospiz war nach seiner Gründung 2003 in den ersten beiden Jahren über Weihnachten geschlossen. Dann kamen die ersten Anfragen von Kliniken, die über die Feiertage für zwei sterbende Kinder eine schönere Umgebung suchten. »Seitdem stehen wir auch während der Festtage bereit«, sagt Gaby Letzing. Diesmal sind drei Familien mit ihren schwerstkranken Kindern für die Feiertage nach Syke gekommen. Der evangelische Seelsorger Jörg Sbrisny (48) wird Heiligabend vor einer bunt geschmückten Tanne eine Messe halten und am Beispiel des Christkindes erzählen, wie wichtig Kinder sind. Dann gibt's Kartoffelsalat mit Würstchen, bevor die kranken Kinder und ihre Geschwister beschenkt werden. »Und doch ist Weihnachten hier ganz anders als zu Hause«, sagt Andreas Saurer (47) aus Bünde, dessen Tochter Britney (7) so krank ist, dass sie möglicherweise noch Weihnachten wieder in die Klinik muss: »Ihre Atemwege sind so tief verschleimt, dass ihr eine Lungenentzündung droht«, sagt der Vater, während er dem kleinen Mädchen eine Sauerstoffmaske vors Gesicht hält.

Was Andreas Saurer an den Tagen im Hospiz so schätzt, ist die Zeit, die er endlich einmal für Britneys Bruder Nils (19) findet. Und es sind die Begegnungen mit anderen Vätern, die ebenfalls todkranke Kinder haben. »Mit Nachbarn oder Arbeitskollegen kann man über so etwas nicht sprechen. Die können einfach nicht nachempfinden, was in mir vorgeht «, sagt er. Das sei im Löwenherz anders. »Bei den Väterabenden im Hospiz braucht sich niemand zu verstellen oder eine Fassade aufrecht zu erhalten. Da weinen Männer, oder sie brechen sogar zusammen.«

Einer der anderen Väter ist Rolf Möser (48) aus Ostrohe in Schleswig- Holstein, der über die Feiertage mit seinen Söhnen Lennart (16) und Eyck (14) ins Kinderhospiz gekommen ist. Als die Jungen im Grundschulalter waren, brach bei ihnen eine genetisch bedingte Stoffwechselkrankheit aus, die seitdem zur geistigen und körperlichen Rückentwicklung führt. »Lennart hat damals innerhalb von sechs Wochen das Sprechen verlernt«, sagt der Vater und erklärt, viele Kinder mit dieser Erkrankung erreichten nicht einmal das Alter eines Jugendlichen. Die beiden Jungen sind durch ihre Krankheit inzwischen so hyperaktiv, dass sie nur mit Mühe gebändigt werden können, wenn sie unvermutet um sich schlagen oder loslaufen. Damit die Brüder sich dabei nicht verletzen, hängen diesmal im Hospiz Strohsterne statt Glaskugeln am Christbaum.

Weihnachten mit Lennart und Eyck im Hospiz Löwenherz – diesen Termin hatte Rolf Mösers Frau bereits im Frühjahr vereinbart. Dann war sie mit 47 Jahren gestorben. »Es ist eine sehr schwierige Zeit für uns«, sagt der Witwer. Umso mehr schätze er die Tage im Hospiz: »Hier weiß ich, dass es den Jungen auch dann gut geht, wenn ich mal nicht bei ihnen bin. Die Atmosphäre hier ist sehr herzlich, und ich muss den Menschen um mich herum nichts erklären. «

Auch Heike Bechlem (45) aus Osnabrück fühlt sich mit ihrem Sohn Nils (15) im Haus Löwenherz gut aufgehoben. Der Junge, der an einem Gendefekt leidet, hatte mit fünf Jahren angefangen, alles wieder zu verlernen. »Nils bekam mit, dass er irgendwann nicht mehr laufen konnte und dass er langsam die Sprache verlor. Das zu erleben war sehr schlimm für ihn«, sagt die alleinerziehende Mutter. Sie sieht es als ihre Lebensaufgabe, dem 15-Jährigen die verleibende Zeit so schön wie möglich zu machen. »Dazu gehört auch, dass wir zusammen im Löwenherz feiern «, sagt die 45-Jährige. Wie alle anderen Eltern hier weiß auch Heike Bechlem nicht, ob es das letzte Weihnachtsfest mir ihrem Kind sein wird.

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