Wüstenschiffe im Watt - Unterwegs für einen guten Zweck: Kamel-Karawane von Cuxhaven nach Neuwerk

Quelle: Evangelische Zeitung, 18. August 2010

Von Dieter Sell (epd)

Cuxhaven/Bremen (epd). Bullway ist sichtlich nervös. Das Trampeltier ist Wüste gewohnt und muss nun eine echte Herausforderung meistern: Vor ihm liegen bei steifer Nordseebrise und gelegentlichen Schauern zehn Kilometer und knapp drei Stunden Wattwanderung zwischen Cuxhaven-Sahlenburg und der Insel Neuwerk. Der zwölfjährige Kamelhengst ist das Leittier einer ungewöhnlichen Karawane, die sich am Mittwoch zugunsten des Kinderhospizes Löwenherz in Syke bei Bremen auf den Weg macht. "Für die Trampeltiere ist das eine Premiere", sagt Kameltreiber Gaston Pache (48).

Sechs Kamele aus dem sächsischen Kamelgestüt Schellenberg, etliche Pferde und mehr als 50 Fußgänger starten zu der Tour, die Ostfrieslands berühmtester Tierheilpraktiker Tamme Hanken auf seinem Boulonnais-Schimmel "Jumper" anführt. Hunderte Schaulustige lassen sich das Spektakel am Strand von Sahlenburg nicht entgehen.

"Das war eine Biertisch-Schnapsidee", erzählt der Bremer Mitinitiator Uwe Kluge. "Mit Pferden nach Neuwerk, das kann jeder - aber nicht mit Kamelen", frotzelte der 44-jährige in der Kneipe. Schnell wurde der auch als "Knochenbrecher" bekannte schwergewichtige Zwei-Meter-Mann und Tierexperte Hanken als Unterstützer gewonnen, der wiederum seinen Freund Pache für die Idee begeisterte und auf diese Weise den Orient ins Watt holte.

So steht die Gruppe nun bei stürmischen Böen in den Dünen von Sahlenburg und wartet auf das Aufbruchsignal von Wattführerin Ute Albrecht-Rose (43). "Der Wind kommt von der See", sagt sie. "Deshalb haben wir etwa ein halben Meter mehr Wasser." Schwierig wird es vor allem in den Wasserläufen im Watt, den Prielen. "Die Strömung ist reißend, wir wissen nicht, wie die Kamele reagieren", meint Albrecht-Rose. Doch Pache ist optimistisch: "Wir sind nervlich ein wenig zu Fuß. Aber das wird alles schon klappen."

Unterdessen sammeln ehrenamtliche Helferinnen des Kinderhospizes mit Spendenbüchsen Geld. Wer sich für die Watt-Karawane vorab angemeldet und dafür bezahlt hat, kann später auf Neuwerk übernachten. Auf der Insel, die zu Hamburg gehört, sind ein Oasen-Grillfest und später dann "Orient-Tanz" mit den "Schlick-Steppern" geplant. Tags darauf geht es mit der Karawane wieder zurück.

Der Reinerlös fließt dem Kinderhospiz zu, das 2003 in Syke gegründet wurde und über acht Plätze für unheilbar kranke Kinder und ihre Familien verfügt. Es ist die einzige Einrichtung dieser Art in Niedersachsen und Bremen. Die Familien kommen häufig über Jahre immer wieder, um Entlastung in der täglichen Pflege zu erhalten. Mehrere Kinder wurden dort bereits bis zu ihrem Tod begleitet. Die Spenden für den Kamelritt durchs Watt sind hoch willkommen. "Wir planen ein Hospiz für Jugendliche und möchten mit dem Bau gerne noch im Herbst beginnen", sagt "Löwenherz"-Sprecher Heiner Brock dem epd.

Unterdessen hat sich Hüne Hanken auf seinen Lieblingshengst geschwungen. Nun soll es losgehen. "Unterwegs wollen wir noch ein paar Stuten vernaschen, hab' ich Jumper versprochen", ruft der XXL-Ostfriese der umstehenden Menge zu. "Wir brauchen eine Gasse, bitte zurückgehen", mahnt Pache. "Ihr macht uns die Kamele verrückt." Doch trotz der mittlerweile riesigen Menschenmenge am Strand hat sich Bullways Nervosität einigermaßen gelegt. Bedächtig macht das Trampeltier seine ersten Schritte ins Watt.

Internet:www.kinderhospiz-loewenherz.de

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