Karawane zieht über den Meeresgrund

Quelle: Nordsee-Zeitung, 19. August 2010

Von Jürgen Malekaitis

Cuxhaven. Vorsichtig schaut Kameltreiber Gaston Pache über den Deich: „Überall Wasser. So wird das nichts“, murmelt er. Eine Stunde später setzt sich die sechsköpfige Kamelherde doch in Bewegung, steuert die Insel Neuwerk an. Vorweg reiten der Ostfriese Tamme Hanken und Ehefrau Carmen. 

Die rund zehn Kilometer legen die Wüstenschiffe, angeführt vom zwölfjährigen Leithengst Bullway, aus dem sächsischen Kamelgestüt Schellenberg, begleitet von Reitern und Fußvolk, in gut drei Stunden zurück.

Die Idee, erstmals Kamele nach Neuwerk zu führen, hatten zwei Bremer, die sich an Tamme Hanken wandten. Der war sofort begeistert. „Eene verrückte, overs gode Sook“, meinte er in seinem typischen Ostfriesenplatt. Er sei sofort Feuer und Flamme gewesen. Schließlich sei es eine Aktion für einen guten Zweck, nämlich zugunsten des Kinderhospiz „Löwenherz“, das 2003 in Syke bei Bremen errichtet wurde.

Tamme und Carmen Hanken luden ihre Pferde vom Anhänger auf dem Hof von Dirk Fock in Sahlenburg aus. Dort wurden der riesige Schimmelhengst Jumper, liebevoll von seinem Besitzer „Schatzi“ genannt, und die kleine Rappstute seiner Frau für den Ritt auf die Insel aufgezäumt und gesattelt.

Wasser versperrt Weg
Meeresgott Neptun hatte gestern die Morgenflut einen dreiviertel Meter höher als normal auflaufen lassen und gab den Meeresgrund weitgehend erst gut 60 Minuten nach dem geplanten Start für die Karawane frei. Trotzdem war es noch eine große Herausforderung für Mensch und Tier, denn das Wasser in den drei Prielen bis zur Insel lief nicht ab und stand dort über einen halben Meter hoch. Dort mussten auch die Pferde mit den Wattwagen, die von Duhnen und Sahlenburg abfuhren, durch.

Den eigentlichen Startschuss gab Ute Albrecht-Rose, eine 43-jährige Wattführerin. „Nun müssen wir los, sonst schaffen wir es nicht rüber, ehe die Flut wieder einsetzt“, appellierte sie an den Karawanenführer. Freiwillige Helferinnen aus dem Kinderhospiz sammelten unterwegs – später auch auf Neuwerk – mit Spendenbüchsen Geld ein. Der Reinerlös fließt nach Syke, wo das Hospiz über acht Plätze für unheilbare Kinder und deren Eltern verfügt. Es ist die einzige Einrichtung dieser Art in Bremen und Niedersachsen.

Wie gut der Ostfriese, über zwei Meter groß und 150 Kilogramm schwer, drauf ist, wurde bereits auf dem Hof von Dirk Fock deutlich. „Wer hat noch eine rossige Stute, ich habe Jumper versprochen, das er noch ein paar von ihnen vernaschen darf, ehe es losgeht“, rief er in die Menge, wo sich Wattwagenfahrer, Reiter und Sehleute eingefunden haben.

Die Karawane musste zunächst die Deichüberfahrt in Sahlenburg passieren. Menschen hatten den Weg versperrt. Hanken ritt mit seinem Jumper hin und forderte die Sehleute auf, eine Gasse zu bilden. Das war gar nicht so einfach. Der „XXL-Ostfriese“ musste laut werden, sogar richtig brüllen. Einige Sehleute zuckten erschrocken zusammen.

Auf Neuwerk war alles bestens vorbereitet und organisiert von Inselobmann Volker Griebel. „Hier sind die Sahara-Suiten, dort stehen die Beduinenpaläste“, sagte er und zeigte auf das Zeltlager. Auch die Kamele durften sich auf der Insel richtig austoben. Eine Bahn war für ein Rennen auf Griebels Weide abgesteckt.

Gegen 13 Uhr setzt sich die Karawane heute wieder in Marsch und wird gegen 16 Uhr den Sahlenburger Strand wieder erreichen.