Ein wenig Zeit zum Durchatmen

Quelle: Rotenburger Kreiszeitung, 22. Dezember 2010

Westerholzer Familie Metze tankt mit Sohn Niklas im Kinderhospiz Löwenherz Kraft für den Alltag

Scheessel - WESTERHOLZ (uhe) · Montagnachmittag in Westerholz, es geht um die Spendenübergabe von Heinfried Dittmer an Ilse-Marie Voß vom Kinderhospiz Löwenherz über 500 Euro. Ein ganz normaler Pressetermin? Mitnichten.

Lohnunternehmer Dittmer, der mit Sohn und Geschäftsmitinhaber Torben dieses Jahr auf Weihnachtspost und -geschenke für seine rund 100 Kunden verzichtet, weiß sehr genau, was er mit seiner Spende bewirkt: Seine Tochter Maren und ihre Familie nehmen seit einigen Jahren das Angebot des Kinderhospizes für Familien mit behinderten Kindern in Anspruch.

Dabei gehe es nicht primär um Sterbebegleitung Todkranker, betont die 33-Jährige, sondern darum, Familien und vor allem den Geschwistern eine Auszeit vom Nerven zermürbenden Alltag zu bieten, eine Zeit zum Durchatmen und Kräftetanken. Die Gleichmut, mit der die zweifache Mutter diesen Alltag beschreibt, ist kaum nachzuvollziehen: Der heute fünfjährige Niklas, der mit dem Wolf-Hirschhorn-Syndrom, einem Chromosomendefekt, geboren wurde, hat in seinem jungen Leben rund zehn Operationen an Herz, Leisten und Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hinter sich, die Anzahl der Krankenhausaufenthalte, wenn er „krampft“, zählt sie schon gar nicht mehr.

Wenn sie sagt, Niklas sei es bis zum Beginn der Krämpfe ab der Geburt seines kleinen Bruders Marvin vor drei Jahren gut gegangen, ist das relativ: Niklas kann weder gehen, stehen, sitzen oder essen, für die Muter bedeutet die Fähigkeit ihres Sohnes, Dinge zu greifen, ein kleines Wunder.

Und so wird jede alltägliche Handlung, jeder Anreiz, dem sie ihrem Sohn verschafft, zum Kraftakt: Korsett anlegen, damit er sitzen und besser abhusten kann, Stehständer, damit er einige Zeit am Tag mehr von der Welt wahrnimmt oder die Fahrten am Sonntag zum Fußballplatz mit dem Fahrrad mit integriertem Rollstuhl, den die Krankenkasse nicht zahlen wollte. „Auch das ist ein positiver Nebeneffekt der Aufenthalte bei Löwenherz“, meint die Westerholzerin, die das Angebot erst gar nicht annehmen wollte, „man vernetzt sich mit anderen Familien und bekommt praktische Tipps zum Stellen von Anträgen und Umgang mit Behörden.“ Außerdem relativiere sich das eigene Schicksal: „Dort trifft man immer Familien, wo man denkt: Eigentlich geht es uns doch ganz gut.“

Das Prinzip der Aufenthalte, bei denen sie meistens von ihrer Mutter begleitet wird: „Man kann sich um sein Kind kümmern, so viel man möchte, muss aber nicht. So kommt auch der kleine Bruder mehr zu seinem Recht.“ Bis zu vier Wochen stehen der Familie pro Jahr zu, die Hälfte übernimmt die Krankenkasse, der Rest trägt sich durch Spenden wie die, die Ehrenamtlerin Ilse-Marie Voß entgegennimmt.

Maren Metze hadert nicht mit ihrem Schicksal: „Es sollte wohl einfach so sein.“ Ein Satz, den sie häufiger äußert, wenn ihre Zuhörer kaum fassen können, wie selbstverständlich sie versucht, Normalität zu leben. Vormittags ist Niklas im heilpädagogischen Kindergarten in Ahausen, „dann gehe ich drei Vormittage beim Steuerberater arbeiten – für mich die reinste Erholung.“ Zwei Mal pro Woche kommen Helferinnen der offenen Hilfe der Lebenshilfe – ein Nachmittag ist für den jüngeren Sohn reserviert, einer für sie ganz allein. Sie passt auf sich auf, achtet darauf, genügend Schlaf zu bekommen.

„Eigentlich habe ich momentan keinen besonderen Stress – nur eine Schuppenflechte …“ Tatkräftige Unterstützung erhält sie von der Großfamilie am Ort – dem Ehemann Frank, der nach der Arbeit „erstmal mindestens zwei Stunden mit den Kindern rumtüdelt“, Geschwistern und Kusinen. Im Mai wollen die Dittmers zum ersten Mal eine Woche allein mit dem jüngeren Marvin in den Urlaub, während Niklas mit seiner Oma bei Löwenherz ist. „Zuerst werde ich bestimmt Rotz und Wasser heulen – schließlich war ich noch nie einen ganzen Tag von Niklas getrennt …“