Europa ist noch nicht in den Köpfen drin

Quelle: Weser-Kurier, 09.5.2011

Jahr der Freiwilligentätigkeit: An der Bassumer Freudenburg wird fleißig um neue Ehrenamtliche geworben.

Von Jörn Dirk Zweibrock

Landkreis Diepholz·Bassum. Europa ist für viele Menschen noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Dies wurde gestern beim Europafest rund um die Bassumer Freudenburg, Europäisches Seminar- und Tagungshaus, deutlich. Gerade im Bereich Landwirtschaft seien die Vorgaben aus Brüssel manchmal nur schwer zu verstehen, sagte Manfred Israel. Trotzdem müsse man in der heutigen Zeit über den Tellerrand schauen und global denken, warf seine Frau Waltraud, ihres Zeichen eine der drei neuen Vorsitzenden der Bassumer Landfrauen, ein. Sie könne sich beispielsweise gut vorstellen, mit den Frauen aus Bassums französischer Partnerstadt Fresnay zusammenzuarbeiten.

Der Besucheransturm auf das vom Kreisverband der Europa-Union, der Volkshochschule des Landkreises (VHS) sowie dem Europa-Informationszentrum (EIZ) in Diepholz organisierten Festes hielt sich eher in Grenzen. Anlässlich des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit präsentierten sich vor der historischen Kulisse der Freudenburg etliche Vereine und Verbände - beispielsweise die Feuerwehr, die beiden Syker Freiwilligenagenturen oder das Kinderhospiz Löwenherz.

Auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung für sich und seine Frau war auch Heinz Kolata aus Brinkum. Die Lust, sich zu engagieren, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, stand ihm geradezu auf die Stirn geschrieben. Kolata hat zum Thema Europa übrigens folgende Meinung: "Europa fehlt eine Leitfigur." Der europäische Gedanke sei ihm persönlich bislang noch zu schwammig gefasst. Dennoch steht für ihn fest: Weg von förderalen Strukturen, hin zur nächsthöheren, zur europäischen Ebene.

Dafür werben Gerhard Thiel, Volkshochschuldirektor und Vorsitzender der Europaunion im Landkreis Diepholz, sowie Vorstandsmitglied Inge Mindermann schon seit Jahren. Viele der Landtags- und Bundestagsabgeordneten im Kreis seien auch Mitglieder in der Europa-Union. Dort werde über Parteigrenzen hinweg gemeinsam gearbeitet. Was es im Bundestag längst gebe, eine Europa-Union-Parlamentariergruppe, solle auch bald im Niedersächsischen Landtag Gestalt annehmen, berichtete Inge Mindermann. Sie muss es wissen, schließlich ist ihr Sohn Frank Abgeordneter in Hannover. Rund 60 Mitglieder zähle die Europa-Union momentan im Landkreis Diepholz, rechnete Gerhard Thiel vor. Eine Anzahl, die sich über Jahre hinweg konstant gehalten habe. Trotzdem wünsche er sich mehr jüngere Mitglieder.

Stichwort junge Europäer: Seit 2009 gibt es bereits das Europa-Informationszentrum in Diepholz. Dort informiert dessen Leiter Burkhard Fandrich unter anderem auch über Bildungsabschlüsse, Studieren und Arbeiten über Grenzen hinweg.

Grenzenlos - so definiert auch Sabine Gerdes aus Twistringen für sich Europa. Zwar würde dadurch die wirtschaftliche Zusammenarbeit erheblich einfacher - ob dies jedoch auch immer zum Vorteil des Einzelnen sei, bleibe fraglich, schlug Ehemann Horst eher kritischere Töne beim Europafest an der Freudenburg an. Er hat ja noch bis Ende des Monats Zeit, genauer gesagt bis zum 27. Mai, sich eines Besseren zu belehren. Denn statt einer Europawoche findet dieses Jahr ein ganzer Europamonat im Landkreis Diepholz statt.

Vielleicht ist ja das Ehrenamt eine gute Möglichkeit, Barrieren - gerade die in den Köpfen - zu überwinden. "Es ist wichtig, sich gegenseitig zu helfen", sagte Emmy Brüdigam, Mitarbeiterin bei der Freiwilligenagentur der Syker Lebenshilfe und drückte Heinz Kolata eine Info-Broschüre in die Hand. Ob er weiß, dass Europa seinen Ursprung im Landkreis Diepholz hat? Niemand Geringeres als der ehemalige Reichstagsabgeordnete und Syker Landrat Wilhelm Heile gründete nämlich 1946 die Europa-Union mit.

"Europa - das heißt für mich in erster Linie , in Ruhe und Frieden mit den einzelnen Kulturen leben zu können", betonte Gerhard Thiel gestern noch einmal. Genau 66 Jahre nach Kriegsende. Stimmt, da war doch was - außer Konfirmation und Muttertag!