„Man ist dankbarer“

Quelle: Kreiszeitung, 13.10.2012

Kristina Klee (19) über ihre Praktikumszeit im Kinderhospiz Löwenherz

Scheessel - Von Ulla Heyne. Morgen wird der Deutsche Hospiztag begangen, an dem die Arbeit der Einrichtungen in der Sterbebegleitung im Mittelpunkt steht. Wir sprachen mit der Scheeßelerin Kristina Klee, die drei Monate lang als Praktikantin im Kinderhospiz Löwenherz arbeitete.

Dort geht es um die Betreuung schwerstkranker Kinder ohne Chance auf Heilung und ihre Familien. Wo schon der gemeinsame Einkauf auf dem Markt für die Geschwisterkinder einen Luxus darstellt, der im Alltag betroffener Familien oft nicht realisierbar ist und jede freie Minute mit jemandem, der Zeit hat und zuhört, ein Geschenk. Und wo diejenigen, die die Familien bei ihrem schweren Lebensweg unterstützen, selbst mitunter an ihre Grenzen kommen.

Frau Klee, nach einem Praktikum in einem „normalen" Kindergarten haben Sie sich bewusst für die Arbeit im „Löwenherz" mit unheilbar kranken Kindern entschieden. Warum?

Christina Klee:Bei der Wahl des Praktikumsplatzes habe ich erst mal alle Bereiche zugelassen. Für mich gab es kein „Das könnte ich nicht!" Ein Flyer vom Hospiz hat mich neugierig gemacht. Ich habe dort angerufen, ohne mir groß Gedanken zu machen. Ich wusste überhaupt nicht, was mich erwartet. Dann habe ich einen Tag hospitiert, um zu gucken, wie ich mich fühle. Natürlich hatte ich mir da im Kopf schon ein Bild zurecht gelegt – ich hatte es mir trauriger vorgestellt. Gleich, als ich zum ersten Mal reinkam, war da eine Wärme zu spüren.

Wie ist es, gerade als junger, gesunder Mensch, der am Anfang seines Lebens steht, mit so viel Leid konfrontiert zu werden?

Klee:Ich habe das nicht als so krass empfunden. Wer Kinder hat, bezieht das eher auf sich selbst, aber vielleicht ist das auch Typsache. Man muss selbst schon ein positiver Mensch sein. Klar, man unterstützt – das Löwenherz-Motto heißt ja auch „Wir tragen mit", aber man kann den betroffenen Familien ihr Schicksal nicht abnehmen. Man versucht halt, aus der Situation das Beste zu machen. Anstatt zu denken: „Ist das alles schrecklich", muss man versuchen, die verbleibende Zeit schön zu gestalten. Für viele sind die Aufenthalte im „Löwenherz" ein Lichtblick – gerade die Geschwisterkinder, mit denen ich viel unternommen und so ein Stück Alltag gelebt habe, den sie sonst oft nicht haben. Das sind oft kleine Dinge: Ins Schwimmbad gehen oder auf den Markt – halt Sachen, die andere Familien auch machen.

Muss man eine professionelle Distanz aufbauen, um das Leid anderer zu ertragen?

Klee:Man darf keine Wand aufbauen. Aber man muss auch abschalten können. Das geht nicht auf Knopfdruck. Natürlich nimmt man etwas mit nach Hause. Wenn das Kind stabil war oder man eine runde, stimmige Aktion mit den Geschwistern gemacht hatte, ging man erleichtert nach Hause. Andere Tage waren bedrückend. Man muss auf sich aufpassen, wieder Kräfte tanken. Zu belastet und betroffen zu sein, hilft auch keinem. Deshalb ist das Verständnis im Team sehr wichtig. Wenn einem etwas zu nahe ging, gab es rund um die Uhr eine Seelsorgerin. Mir hat geholfen, dass ich ein lebensbejahender Typ bin, in allem das Gute sehe. Man kann ja nur das weitergeben, was man hat.

Während Ihrer Zeit im Hospiz sind zwei Kinder dort gestorben. Wie haben Sie das erlebt?

Klee:In dieser Zeit herrschte natürlich eine gedrückte Stimmung und noch mehr Rücksicht untereinander. Es lastet etwas auf einem, man trägt die Trauer ein Stück weit mit. Die Rituale geben einen äußeren Rahmen, den jede Familie unterschiedlich füllt. Das Abschiedsritual kann auch ein halbes Jahr später sein, der Luftballon mit dem Schmetterling für das Kind, mit dem es aufsteigen kann und man es loslässt. Ich wurde auch gefragt, ob ich daran teilnehmen will. Da muss man eine Balance finden – man will sich als Unbeteiligte ja nicht aufdrängen. Es war eine bewegende Erfahrung, beim anschließenden Kaffeetrinken fast fröhlich. Das lag aber auch an den Familien, die oft sehr stark sind. Sich wieder aufzurappeln, dazu gehört viel Lebensmut.

Haben die drei Monate bei „Löwenherz" Sie verändert?

Klee:Ich habe total viel mitgenommen. Begegnungen, die sonst nie stattgefunden hätten, Erlebnisse, und intensives nachdenken. Man ist dankbarer. Und gelassener. Macht nicht aus jeder Mücke einen Elefanten. Wenn ich einen Streit beobachte, zum Beispiel unter Freunden, denke ich oft: Worum geht es hier eigentlich? Ich habe mein Leben auf den Weg gebracht, bin mit mir im Reinen. Und ich bin glücklich, gesund zu sein und alle Möglichkeiten zu haben.

Wie geht es bei Ihnen weiter?

Klee:Ich möchte auf jeden Fall in einem Bereich arbeiten, wo ich Menschen helfen kann. Und annehmen, was das Leben bietet – wer weiß, ob so eine Chance nochmal kommt ...