Ein Platz zum "chillen"

Quelle: T-Online, 09.04.2012

Christian Kettler war schon häufiger Gast im Kinderhospiz Löwenherz in Syke bei Bremen. Mittlerweile ist er 19 Jahre alt und aus dem kuscheligen, bunten Ambiente der Kinderzimmer herausgewachsen. Christian ist kein Einzelfall. Rund 30 Prozent der Gäste sind nach Angaben von Hospizleiterin Gaby Letzing über 13 Jahre alt. Für sie soll in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren auf dem Gelände ein Jugendhospiz gebaut werden. "Wir sehen einfach, dass die Jugendlichen andere Bedürfnisse haben", sagt Letzing.

Junge Menschen bräuchten Möglichkeiten zur eigenständigen Entwicklung und persönliche Freiräume, auch wenn sie schwer krank seien und mit dem Tod ringen würden. Neben der erforderlichen intensiven Pflege sollen sie beispielsweise künftig dank eines höhenverstellbaren Herdes in der Küche beim Kochen assistieren können, erzählt die 50-jährige Leiterin.

"Es wird einen Bereich zum 'chillen' geben, und einen, in dem man die Musik auch mal laut machen kann." Die Zimmer würden nach Städten wie Paris, Rio oder Tokio benannt und mit der entsprechenden Skyline tapeziert.

Christians Vater Gero Kettler hat sich nach eigenen Worten besonders für das geplante Bewegungsbad eingesetzt. "Im Kinderhospiz gibt es einen Whirlpool, doch der ist für die Jugendlichen zu klein", weiß er aus Erfahrung. Insbesondere Gäste mit schweren Verkrampfungen würden es aber genießen, "im warmen Wasser die Gelenke auszuschwingen." Der Bremer Anwalt hat gerade erst eine Woche mit seinem Sohn, der an einer erblich bedingten unheilbaren Stoffwechselkrankheit leidet, im Kinderhospiz verbracht. "Als ich ihm etwas vorlesen wollte, habe ich gemerkt, dass es keine Erwachsenenliteratur gibt, sondern nur Bücher bis 14 Jahre", berichtet Kettler.

In dem Jugendhospiz sollen acht Pflegezimmer sowie sechs Zimmer für Angehörige eingerichtet werden. Dabei müssen die jungen Gäste im Alter von 14 bis 24 Jahren nach Angaben von Letzing nicht zwangsläufig von den Eltern begleitet werden. "Sie können auch mit Freunden oder älteren Geschwistern in das neue Haus kommen", betont die Hospizleiterin. Denn für viele sei es wichtig, "auch einmal dem Behütetsein zu entfliehen." Für Letzing ist der Bau des nach ihren Worten einzigen Jugendhospizes in Niedersachsen und Bremen eine notwendige Erweiterung.

"Im vorigen Jahr standen zeitweise mehr als 40 Familien auf der Warteliste, die gern für einige Wochen zu Löwenherz gekommen wären", erzählt die gelernte Kinderkrankenschwester. Dass inzwischen rund 30 Prozent der Gäste über 13 Jahre alt seien, sei insbesondere "besser wirkenden Medikamenten" geschuldet. Dadurch sei die Lebenserwartung der häufig schwerst geistig und körperlich behinderten Jungen und Mädchen höher, als von den Ärzten prognostiziert.

Als Christians Eltern 1997 die Diagnose erfuhren, gaben die Ärzte ihrem Sohn zehn Jahre. Den Gedanken vor Augen, dass ihr Kind sterben wird, ging es nach Angaben von Gero Kettler für die Familie vor allem um Lebensqualität. So suchten sie Kontakt zur Kinderhospizbewegung, zuerst in Olpe, dann in Syke. Hier werden unheilbar erkrankte Kinder und ihre Familien für bis zu vier Wochen im Jahr aufgenommen. Während die kranken Kinder von professionellen Pflegekräften rund um die Uhr versorgt werden, können die Eltern und Geschwister entspannen und neue Kraft schöpfen.

"Es ist die Möglichkeit, wieder Normalität zu erleben, ohne auf die Uhr zu gucken, ohne auf jeden Husten zu achten", erläutert Kettler. Auch der Austausch mit anderen Eltern sei wichtig. Obwohl sie sich als Betroffene oft hilflos fühlten, könnten sie sich doch Kraft geben, Vorbild sein. "Für mich sind das Eltern, die ihr Kind verloren haben", sagt Christians Vater. Neben dem Entlastungsaufenthalt bietet Löwenherz auch Sterbebegleitung. Für die stillen Momente soll in dem geplanten Jugendhospiz ein Raum für das Abschied nehmen von Freunden oder vom eigenen Leben eingerichtet werden.

Im Mai wird Christian Kettler 20 Jahre alt. Vom Jugendhospiz erhofft sich sein Vater, "dass der junge Mensch als erwachsen werdender Mensch wahrgenommen wird."