Ehrenamtliche begleitet unheilbar kranke Kinder

Quelle: Weser-Kurier, 26.05.2012

Von Silke Looden

Syke. Claudia Dierks arbeitet ehrenamtlich für den ambulanten Dienst des Kinderhospizes Löwenherz in Syke. Die 44-Jährige aus Weyhe schenkt unheilbar erkrankten Kindern und ihren Familien Zeit. Was das mit Lebensfreude zu tun, zeigt ein ganz normaler Montagnachmittag mit Mika.

Claudia Dierks setzt sich auf den Treppenabsatz, wechselt die schwarzen Stöckelschuhe gegen die weißen Turnschuhe. "Heute ist Mika-Tag", erklärt die 44-Jährige aus Weyhe. Da braucht sie eine gute Bodenhaftung. Mika ist elf Jahre alt, ein schwerstkranker Junge, dem die Ärzte schon als Baby nicht mehr viel Zeit gegeben haben. Claudia Dierks arbeitet ehrenamtlich für den "Ambulanten Kinderhospizdienst Löwenherz Bremen und Umzu" in Syke. Sie freut sich jeden Montag auf Mika.

Die kleine drahtige Frau schwingt sich in ihren New-Beetle. Die fröhlich-gelbe Blume am Armaturenbrett wippt mit. An der Seitenscheibe der Beifahrertür haftet eine Postkarte mit dem Löwenherz-Löwen. Das Hospiz-Maskottchen grüßt die Passanten im Vorbeifahren. "Meine eigenen Probleme sind nicht mehr so wichtig, seitdem ich mich bei Löwenherz engagiere", erzählt die Mutter von zwei Teenagern.

Als allein Erziehende fühlte sie sich oft isoliert. "Die Familien, die ich betreue, sind auch isoliert. 24 Stunden am Tag dreht sich alles um das kranke Kind." Claudia Dierks gibt den betroffenen Eltern keine guten Ratschläge. "Die gibt es schon genug, von Nachbarn, Freunden und Angehörigen." Die Hospizmitarbeiterin schenkt Zeit, ohne zu bewerten. Wie sie diese Zeit ausfüllt, bestimmen die Familien. Mikas Mutter hat sich für diesen Montag gewünscht, dass Claudia Dierks mit ihrem Sohn spazieren geht, damit sie in Ruhe zum Kinderarzt gehen kann.

Die Hospizmitarbeiterin klingelt an der Tür der Familie Zander. Eine fünfköpfige Familie, die seit elf Jahren mit einem herzkranken Kind lebt. Mikas Mutter lächelt. Die beiden Frauen gehen ins Wohnzimmer. Der Junge sitzt im Rollstuhl, kann sich nicht bewegen, nicht sprechen. Als Claudia Dierks ihn anspricht, bewegen sich seine Augenlider sanft. Die ehrenamtliche Begleiterin weiß diese feinen Zeichen der Kommunikation zu deuten. "Hallo Mika!"

Claudia Dierks will mit Mika Musik machen, seine Sinne stimulieren. Das ist gar nicht so einfach, bei einem Kind, das bei einer Operation schwere Hirnschädigungen erlitten hat. Sie nimmt die Affenbrotbaumfrucht in die Hand, eine Rassel. Langsam lässt sie die feinen Töne rieseln. Mika blinzelt. Als sie ihm die Rasselspitze an die Wange hält, zuckt der Junge heftig. Offensichtlich gefällt ihm das nicht. "Okay Mika, lass uns einfach nur zuhören."

Es ist Zeit für den Spaziergang. Vorsichtig bugsiert Claudia Dierks den Rollstuhl zur Haustür hinaus. Das Gefährt lässt sich nur schwer steuern. Ein Schnarchen dringt vom Sitz herüber. Schläft Mika? "Nein, dass ist seine Art sich zu entspannen", erklärt Claudia Dierks. Mika hat einen Herzfehler, bekommt nur schwer Luft, die Durchblutung ist gestört. Deshalb achtet seine Begleitung darauf, dass Hände und Füße auch bei frühlingshaften Temperaturen gut eingepackt sind. Die Sonne scheint, der Wind weht. Sie steuern auf einen Feldweg zu.

Der Delfin auf den Rollstuhlrädern dreht sich fröhlich mit den Kinderbildern um die Wette. Die Reifen ruckeln auf dem unbefestigten Weg. Claudia Dierks hält an, pflückt einen Löwenzahn. Der ist schon ausgeblüht. Sie hält die Pflanze ganz nah vor das Gesicht des Kindes, wartet bis seine Augen sich wieder ein wenig öffnen. Dann pustet sie. Die kleinen Fallschirme tanzen durch die Luft. Mika lächelt mit offenem Mund, denn den kann er nicht schließen. Weiter geht die Fahrt, vorbei an blühenden Rapsfeldern, die ihren ganz eigenen Duft versprühen. Mikas Nasenflügel bewegen sich deutlich.

Bei jedem Wetter geht die Ehrenamtliche mit Mika spazieren. "Er will und muss an die frische Luft." Dabei geht es nicht nur um den Sauerstoff. Ganz egal, ob Vogelgezwitscher oder Autolärm, ob kalter oder warmer Wind, ob Frühlings- oder Herbstdüfte, Claudia Dierks versucht Mikas Wahrnehmung zu trainieren, auch wenn das nicht ihre originäre Aufgabe ist.

Mika war gerade einmal viereinhalb Monate alt, als es bei einer vorbereitenden Herzoperation zum Herzstillstand kam. Er musste reanimiert werden. Damals glaubten die Ärzte, dass der Junge höchstens ein Jahr alt wird. Heute ist Mika elf. Für Familie Zander bedeutet das Leben mit ihrem geliebten Sohn eine tägliche Kraftanstrengung, physisch wie psychisch. Einmal im Jahr kann Mika vier Wochen im Kinderhospiz in Syke verbringen. Die Aufenthaltszeit ist limitiert. Die anderen 48 Wochen im Jahr ist Familie Zander zu Hause – und auch auf Hilfe angewiesen.

Wenn Claudia Dierks sich mit Mika beschäftigt, hat seine Mutter Zeit. Anders als andere Mütter, kann sie nicht einfach einkaufen gehen. Alles muss organisiert sein. Inzwischen sind die beiden älteren Geschwister soweit, dass sie auch auf Mika aufpassen können und wollen. Als sie noch klein waren, hatte Mikas Mutter oft ein schlechtes Gewissen. "Die Geschwister bleiben häufig auf der Strecke", weiß Claudia Dierks. Deshalb ist es so wichtig, dass die Eltern das kranke Kind auch einmal abgeben können, um sich um die gesunden zu kümmern.

Während des Spaziergangs spricht Claudia Dierks mit Mika. Die Konversation wirkt einseitig, schließlich kann Mika nicht antworten. Für die Begleiterin aber kommt es darauf gar nicht an, schließlich kann Mika hören. "Du siehst heute wirklich gesund aus", sagt sie. Diese Bemerkung einem kranken Kind gegenüber erscheint Außenstehenden absurd. Claudia Dierks aber behandelt Mika so normal wie möglich. "Ja, Du hat eine gesunde Gesichtsfarbe. Das macht die frische Luft."

Zurück bei Familie Zander hilft der Vater, der gerade von der Arbeit zurück ist, seinen Jungen aus dem Rollstuhl zu hieven. 45 Kilogramm wiegt Mika inzwischen. Die Mutter spürt es im Rücken. Doch nach Stunden muss Mika einfach raus aus dem Stuhl, die Position ändern, sonst werden seine Schmerzen zu stark.

Claudia Dierks holt ein Buch raus. Ein Geburtstagsgeschenk für Mika. "Zauberreise in verwunschene Welten" steht auf dem Buchdeckel. Mit jedem Satz wird Mika merklich ruhiger. Für Claudia Dierks sind diese Momente mit Mika ein "Geschenk des Lebens", auch wenn andere sich fragen, wie sie so fröhlich sein kann, wenn sie doch mit unheilbar kranken Kindern zu tun hat. Sie klappt das Buch zu, verabschiedet sich mit einem Lächeln von Mika und seiner Familie.

Dankbar steigt Claudia Dierks ins Auto. Sie fühlt sich geerdet. Gleich wird sie ihre eigenen, gesunden Kinder wieder sehen. Und nächsten Montag ist wieder Mika-Tag. 

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