Die Brüche im Leben

Quelle: Kreiszeitung, 19.01.2013

Neujahrsempfang mit Annelie Keil

Syke - Er war drei Jahre alt, als das Jugendamt ihn seinen drogenkranken Eltern fortnahm.

Und er zwar zwölf, als er mit einem unheilbaren Gehirntumor ins Kinderhospiz „Löwenherz" kam: Die wechselvolle Lebensgeschichte von Florian stellte Kinderhospiz-Leiterin Gaby Letzing gestern stellvertretend für die 23 Kinder vor, die „Löwenherz" bis zu ihrem Lebensende begleitet hatte. Weit mehr noch, insgesamt 151 Jungen und Mädchen, schöpften mit ihren Familien 2012 Kraft im Kinderhospiz „Löwenherz".

Von Florian, der mit 13 Jahren starb, habe sie „Heilung auf einer anderen Ebene" gelernt, gestand Gaby Letzing den Gästen des Neujahrsempfangs: „Sein Körper war krank, aber seine Seele heilte." Wichtig dabei seien seine Eltern gewesen, die er so schmerzlich vermisst hatte und die in den letzten Monaten seines Lebens doch bei ihm waren.

„In seinem Leben hat Florian viele Brüche erlebt", erklärte Gaby Letzing. Ihre Zuhörer wussten, was das bedeutet. Hatte ihnen die Professorin Annelie Keil doch zuvor mit ebenso viel Sinn für die Wechselfälle des Lebens wie Alltagswitz die Bedeutung dieser Brüche erklärt. Aber auf brüchigem Boden Land gewinnen – wie kann das gehen? Frei nach dem gleichnamigen Titel ihres Buches machte Annelie Keil ihren Zuhörern Mut, ihr Leben zu leben. „Da wo Not ist, da wo Unvorhergesehenes kommt: Da müssen wir uns ermutigen, gemeinsam zu tragen", forderte die Bremer Gesundheitswissenschaftlerin. Denn: „Da, wo wir gemeinsam tragen, da lernen wir unheimlich viel über unser eigenes Leben." Die Professorin stellte klar, wie wichtig Sinn und Sinnhaftigkeit des Lebens sind – das würde die steigende Zahl der seelischen Erkrankungen wie Burnout beweisen.
Ohne Brüche seien Tiefe und Veränderungen im Leben nicht möglich: „Nur wenn wir den Boden umpflügen, wenn wir die Trampelpfade immer wieder locker machen, kann Neues wachsen", so die Gesundheitswissenschaftlerin. Wichtig sei es, Vertrauen in die eigenen Kräfte zu haben. Die entscheidende Frage sei dabei: „Was gibt meinem Leben Sinn und wie teile ich meine Kräfte ein?" Immer wieder entlarvte sie augenzwinkernd Menschen, die andere für Unbill und Unglück im eigenen Leben verantwortlich machen. Aber: „Mit jedem Atemzug übernehme ich Verantwortung", mahnte Annelie Keil. Und genau diese Verantwortung definierte sie so: „Ich muss Antworten finden auf die Fragen, die das Leben mir stellt!" · sdl