„Ich will unter guten Menschen sein“

Quelle: Nordwest-Zeitung, 02.07.2013

Marliese Westera hat nach einem schweren Motorradunfall ein ganz neues Leben begonnen

Als die Oldenburgerin aus dem Koma erwachte, war sie schwerstbehindert. An der Uni fand sie neue Freude und Freunde.

von Karsten Krogmann

OLDENBURG/AMMERLAND Es ging ihr gut im Heim, aber sie wollte dann doch lieber ihr eigenes Leben leben. Also setzte sie sich eines Tages auf ihr Dreirad (sie sagt: „auf meine Behindertenschleuder") und fuhr von Bockhorn nach Oldenburg, in ihre Geburtsstadt. Dort suchte sie sich eine Wohnung und zwei Aufgaben.

Jetzt parkt ihre „Behindertenschleuder" wieder vor der Uni, so wie jeden Tag. Das Blockseminar zum Thema „Tod und Sterben" beginnt gleich, „das beschäftigt mich", sagt sie, „ich bin ja auch mal fast gestorben". Sie hat übrigens eine Überraschung für die Gastreferentin dabei. Marliese Westera, 55 Jahre alt, setzt sich in die erste Reihe, ihren Gehstock lehnt sie an die Tischplatte. Natürlich trägt sie ihr weinrotes Uni-Oldenburg-T-Shirt. Sie ist ein bisschen aufgeregt.

Schwerer Unfall
Am 29. August 1988 stand auf der Titelseite der NWZ unter der Überschrift „Schwerer Kradunfall" diese Meldung: „Bei einem Versuch, auf der Straße An den Kämpen in Specken einen Pkw zu überholen, verlor ein 32-jähriger Mann die Gewalt über seine Maschine. Das schwere Motorrad prallte gegen eine Blumeneinfassung, und der Kradfahrer und eine 30-jährige Frau erlitten schwerste Verletzungen."

„Mein Helm hatte sich gelöst", sagt Marliese Westera. Sie flog vom Motorrad und schlug mit dem Kopf gegen den Blumenkübel. Sie erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Aber das weiß sie alles nicht mehr, das hat man ihr später erzählt.

Sehr viel später. Sie erwachte erst im Dezember wieder aus dem Koma und wunderte sich: „Mein Papa war ja bei mir." Sie lag im Evangelischen Krankenhaus, ihre Gedanken liefen Amok. Die haben mich eingesperrt!, dachte sie. Ein Wort fiel ihr ein: „platonisch". Was heißt das?, wollte sie wissen. Sie konnte nicht sprechen.

Nach und nach rückte sich sie ihre Gedanken wieder zurecht, und sie merkte: Ich bin ganz schön eingeschränkt. Sie musste das Gehen neu lernen. Das Sprechen. Die Gleichgewichtsstörungen blieben, „ich habe eine Ataxie", erklärt sie. Das Wort „Ataxie" kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Unordnung". Durch das Trauma ist Westeras Bewegungskoordination in Unordnung geraten.

Elf Monate lang blieb sie in der Reha, danach ging sie ins Heim. Sie bekam einen Schwerbehindertenausweis, der Grad ihrer Behinderung beträgt 100 Prozent. So radelte sie 1999 nach Oldenburg.

Ein Tag im Leben der Marliese Westera: Um sechs Uhr morgens steht sie auf, sie meditiert, macht Gymnastik, frühstückt. Es gibt Schwarzbrot und Roibuschtee, am Wochenende auch mal Kaffee. So sitzt sie in ihrer Einzimmerwohnung im Ziegelhofviertel, da steht das Regal mit den Genesis-CDs („mein Bruder hat mir im Koma immer Genesis vorgespielt"), da hängt das Phil-Collins-Foto an der Wand („ich liebe Phil Collins"), da klebt das Dalai-Lama-Plakat an der Tür. Und dann ist es endlich spät genug für die Uni. Sie radelt los.

„Die Uni ist meine Familie", sagt Westera, sie strahlt. Sie geht durch die Caféteria, die Studenten grüßen sie. Sie isst mittags in der Mensa, Bekannte setzen sich zu ihr. Sie besucht Seminare, mit vielen Dozenten duzt sie sich. Sie weiß jetzt wieder, was „platonisch" bedeutet: eine geistige Beziehung.

Das hier ist die erste Aufgabe, die sie sich gestellt hat: ein inklusives Leben vorzuleben als Gasthörerin an der Uni.

Eine Spende
Noch so ein Fremdwort: Inklusion. Es stammt aus dem Lateinischen, bedeutet so viel wie „Einschluss" und meint Zugehörigkeit, Teilhabe, in vollem Umfang dabei zu sein.

„Ich wollte unter Menschen sein, unter guten Menschen", sagt Marliese Westera. Sie dachte: Wer an der Uni studiert, kann nicht so schlecht sein.

Aber als sie ihr Dreirad am Uhlhornsweg geparkt hatte, traute sie sich plötzlich nicht in die Mensa. Die sind alle so gut und schlau, dachte sie, nach dem Seminar ging sie sofort nach Hause. Später musste sie mal wieder am Fuß operiert werden, und als sie danach zurück in die Uni kam, fragten alle: Mensch, Marliese, wo warst Du denn? Was ist passiert? Schön, dass Du wieder da bist! „Ich liebe die Uni", sagt sie.

Raum A1-1-103, vorne steht die Gastdozentin, Gaby Letzing leitet das Kinderhospiz Löwenherz in Syke. Sie erzählt den Sonderpädagogik-Studenten von den Kindern im Hospiz, von ihren Krankheiten, von ihren Behinderungen, von ihren Problemen damit. „Das kenn' ich", murmelt Marliese Westera leise. Ach ja, die Überraschung, sie steht auf.

Möchtest Du dazu etwas sagen?, fragt Monika Ortmann, die Professorin, sie weiß Bescheid über die Überraschung. „Och nö", wehrt Westera ab, „ich kann doch nicht so gut reden", die Worte verrutschen ihr im Mund. Sie sagt dann aber doch etwas. Dass es ihr eine Herzenssache sei. Dass ihre Schwägerin auch gestorben sei. Dass sie früher selbst im Kindergarten gearbeitet habe. Dass diese Kinder im Hospiz noch so klein seien und noch gar kein Leben gehabt hätten.

Und dann gibt sie Gaby Letzing den Scheck über 1000 Euro, eine Spende fürs Kinderhospiz. „Wir tauschen", sagt Letzing ein bisschen gerührt; Marliese Westera bekommt einen Plüschlöwen. Die anderen Studenten klatschen.

Ihre monatliche Rente beträgt 580 Euro. Manche Leute, meinen, Marliese Westera sollte kein Geld spenden, sondern selbst Spenden erhalten. „Och nö", sagt sie wieder, wenn sie so etwas hört, „ich brauche doch nichts." Sie habe kein Auto. Die kleine Wohnung habe sie damals vom Schmerzensgeld kaufen können. Neue Klamotten seien ihr nicht wichtig. Etwas verlegen verzieht sie das Gesicht, „ich esse aber gern Schokolade".

Bewusster Leben
Nein, sagt sie, es geht ihr gut. Meistens jedenfalls. Wenn das Wetter schlecht sei, müsse sie sich schon mal aus dem Bett zwingen. „Reiß' Dich zusammen", sagt sie sich dann. Demnächst muss auch wieder ihr Fuß operiert werden.

Vermisst sie manchmal ihr früheres Leben?

„Och nö", sagt sie, „ich liebe mein Leben, mein Humpelbein möchte ich nicht mehr missen." Der Unfall sei ein Wink des Schicksals, „ich lebe mein Leben heute viel bewusster". Sie lächelt: „Ich bin wunschlos glücklich."

Und das hier ist die zweite Aufgabe, die sich Marliese Westera gestellt hat: Sie möchte die Welt, zu der sie gehört, ein kleines bisschen positiv beeinflussen.