Zwischen Lachen und Weinen

Quelle: Nordwest-Zeitung, 21.09.2013

Syke. Es ist hauptsächlich ein Raum zum Leben, auch wenn das Sterben immer präsent ist, sagt Gaby Letzing. Die Leiterin des Kinderhospizes Löwenherz in Syke hat am Freitag das erste Jugendhospiz Niedersachsens mit acht Plätzen eröffnet.

Von Yvonne Stock

Warum brauchen über 14-Jährige bei Ihnen einen eigenen Bereich?

Jugendliche haben andere Bedürfnisse als Kinder. Das ist bei schwer erkrankten Jugendlichen, die oft geistig und körperlich behindert sind, auch so. Jugendliche brauchen, auch wenn sie an der Lebensgrenze stehen, mehr Freiräume. Kinder hingegen brauchen mehr Geborgenheit, Zuwendung und ganz viel Nähe.

Welche Freiräume bekommen die Jugendlichen bei Ihnen?

Zum einen Freiräume, um auch mal alleine oder unter sich zu sein und ein bisschen Abstand zur elterlichen Fürsorge zu bekommen. Aber sie brauchen auch Platz, wir haben sehr helle und weite Räume, die nicht so bunt und kuschelig wie im Kinderhospiz sind. Die Pflegezimmer sind nach Traumstädten gestaltet, mit vielen Bildern und der jeweiligen Skyline. Die Jugendlichen können so eine Postkarte schreiben mit „vielen Grüßen aus Paris".

Wie gehen die Heranwachsenden mit ihrer tödlichen Krankheit um?

Ich finde sehr erstaunlich, dass Jugendliche, die das kognitiv genau verstehen, eine unglaubliche Sehnsucht nach Leben haben. Sie wollen sich eher mit den Themen des Lebens als mit dem Tod auseinandersetzen. Ein Jugendhospiz muss ganz viel zu dem Thema anbieten: jeden Moment das Leben zu leben. Das heißt, die Endlichkeit nicht zu verdrängen, aber sie den Jugendlichen nicht ständig aufs Butterbrot zu schmieren. Es geht um einen relativ alltäglichen Umgang mit dem Abschied und dem Tod.

Sie haben einmal gesagt, dass es bei Ihnen auch Tränen vor Lachen gibt. Fließen Sie häufiger beim Lachen oder beim Weinen?

Ich glaube, das ist ausgeglichen. Es gibt ganz viel Lebendigkeit im Haus, das hat manchmal Ferienfreizeitcharakter. Aber es gibt auch sehr bewegte und traurige Momente. Meine Erfahrung ist: Wenn ich meine Tränen zulassen kann, finde ich viel schneller wieder zum Lachen. Wenn ich die Tränen unterdrücke, dann fehlt der Mut zum Lachen.

Was gibt Ihnen die Kraft für Ihre Aufgabe?

Oft kommen Familien zu uns mit der Diagnose, dass ihr Kind in der finalen Situation ist. Und nach zwei bis drei Tagen im Kinderhospiz stabilisiert sich das. Das hat, glaube ich, viel mit der Entspannung bei uns zu tun – gerade wenn die Eltern sich vorher überfordert gefühlt haben. Zu sehen, dass unsere Einrichtung eine Oase zum Kraftschöpfen geworden ist, das beflügelt mich sehr. Und ich habe einen Ausgleich im Fotografieren, Reisen und anderen Hobbys.

Hatten Sie Probleme, Fachkräfte für das Jugendhospiz zu finden?

Nein, wir mussten sogar Bewerbern absagen. Eine Arbeit zu tun, bei der man viel positives Feedback bekommt und Zeit für die Pflege hat, das sind – glaube ich – die Gründe, warum sich viele beim Jugendhospiz bewerben. Aber ich habe ein bisschen Sorge um die nächsten Jahre, dass wir keine geeigneten Mitarbeiter mit Berufserfahrung mehr finden.

Sie brauchen für den Betrieb des Kinderhospizes jährlich 1,2 Millionen Euro, für das Jugendhospiz kommen noch 0,8 Millionen Euro dazu. Entwickelt sich die Spendenbereitschaft so gut?

Wir hätten den Schritt nicht gewagt, wenn wir nicht eine sehr positive Spendensituation hätten. Aber jährlich zwei Millionen Euro aufzubringen, ist schon eine Herausforderung. Wir haben einen sehr treuen Spenderkreis. Am Anfang sind wir mit dem Kinderhospiz in der Gesellschaft noch auf Unverständnis gestoßen, da hat sich ganz viel bewegt. Man merkt, dass die Hospizarbeit ins Bewusstsein gerückt ist.