In luftiger Höhe

Detlev Marquardt mit einem der von heimischen Künstlern gestalteten Drachen. 14 Objekte wurden zugunsten des Syker Kinderhospizes Löwenherz versteigert. <br>© Udo Meissner

Quelle: Weser-Kurier, 01.09.2013

Syker Drachenfreunde veranstalten am 14. und 15. September ihr 24. Familiendrachenfest in Heiligenfelde-Clues

Syke. Der Lütte wetzt über die Wiese. Doch der Drachen am Ende der langen Schnur hebt nicht ab. Im Gegenteil, der schöne, bunte Flieger klappt zusammen. Das unsanfte Gezerre über das Gras ist ihm ins Kreuz gegangen. Tränen kullern über das Gesicht des kleinen Piloten. Doch bevor der seinen lädierten Windvogel zusammenpacken kann, eilt Hilfe herbei.

Der Mann in dem feuerroten Overall hat mit ein paar Handgriffen das Malheur behoben. „Fliegt nicht, gibt's nicht" lautet das Motto der Syker Drachenfreunde, die am 14. und 15. September zu ihrem 24. Familiendrachenfest nach Heiligenfelde-Clues einladen. Dann schießen pfeilschnelle Lenkdrachen durch die Luft, wiegen sich träge Monster und allerlei Getier am Himmel. Am 17. März 1990 wurde der Verein gegründet. Der Syker Kaufmann Dieter Budelmann, er war die treibende Kraft der jungen Vereinigung, übernahm den Vorsitz, Wolfgang Willenborg wurde zum zweiten Vorsitzenden, Ehler Grätsch zum Schriftführer und Klaus Meyer zum Sportwart gewählt. Detlev Marquardt, der den Auftrag erhielt, die Kasse zu hüten, ist heute noch der Kämmerer. Außerdem ist er Kontaktperson in Sachen Drachenfreunde (04242/ 2584). In den folgenden 23 Jahren wurden die übrigen Vorstandsposten von verschiedenen Mitgliedern wahrgenommen. Aktuell leiten Hans-Jürgen Seidel (1. Vorsitzender) und sein Stellvertreter Hans Duismann sowie Claudia Marquardt (Schriftführerin) die Geschicke des Vereins.

„Am Anfang wird es schwierig werden, aber ich bin mir sicher, dass der Verein wachsen wird", sagte Budelmann 1990. Und er sollte Recht behalten. Längst zählen die Syker Drachenfreunde über 100 Mitglieder und sind damit der größte Drachensportverein Deutschlands. Doch zurück zu den Anfängen: Ein Jahr zuvor, am 28. Mai 1989, fand auf Budelmanns Initiative an der Kuhlenstraße auf dem Seufzerberg der „1. Okeler Drachenflugtag" statt. Gastwirt Bruno Winkelmann hatte das Gelände zur Verfügung gestellt. Unterstützt wurde das Fest von den Bremer Drachenflugfreunden, die sich von der Syker Organisation und dem Ablauf des Flugtages beeindruckt zeigten. Unter den zahlreichen Besuchern, die überwiegend selbst gebastelte Flieger mitgebracht hatten, befanden sich auch viele Kinder, was den ein Jahr später gegründeten Verein dazu bewog, seine jährlichen Spektakel als Familiendrachenfest anzukündigen und mit entsprechenden Angeboten auch zu bereichern. Überhaupt wurde von Beginn an das Augenmerk auf Kinder und Jugendliche gerichtet.

„Fliegt nicht, gibt's nicht"

So wurden gemeinsam mit der Syker Volkshochschule Drachenbaukurse angeboten und im Rahmen der Ferienkiste der Stadt im Jugendhaus bunte Flieger gebastelt. Klar, dass die Windvögel auf dem nächsten Drachenfest getestet und notfalls nachgebessert wurden. „Fliegt nicht, gibt's nicht", versichern die Drachenexperten des Vereins schließlich.

Die Freude am Fliegen auf dem Seufzerberg war nicht von langer Dauer. Dafür sorgte die Fachgruppe Ökologie. Sie drückte bei den Behörden ein halbjähriges Flugverbot mit der Begründung durch, dass „die Windspielzeuge zu viel Krach machten und damit die letzten Brutpaare mehrerer gefährdeter Vogelarten aus diesem Gebiet verscheuchten". Fortan war der Startplatz in Okel vom 1. März bis zum 31. August eines jeden Jahres tabu für die Drachenfans. Der Verein sah sich in seiner Existenz bedroht. Unverständnis und Ratlosigkeit herrschten auf der Jahreshauptversammlung im November 1990.

„Seufzen auf dem Seufzerberg" hieß es im Syker Kurier zum Start in die Frühlingssaison 1991. Die Vereinsführung gab sich kompromissbereit und die Mitglieder folgten. Sie beschlossen auf der Hauptversammlung das ursprünglich für Mai geplante dritte Drachenfest auf den 14. September zu verlegen. Eine wiederkehrende sechsmonatige Zwangspause aber wollte der junge Verein nicht hinnehmen und ging auf die Suche nach einem Ausweichgelände. Im November 1992 war Ersatz gefunden. Der Heiligenfelder Landwirt Klaus Einhaus einigte sich mit den Drachenfreunden auf einen Pachtvertrag für eine bis zu drei Hektar große Wiese am Jardinghauser Weg im Ortsteil Clues. Die Mitgliedersammlung gab grünes Licht, der Umzug konnte beginnen.

Seit dem 22. August 1993 werden dort im Herbst die Familiendrachenfeste mit vielen Tausend Gästen gefeiert, nicht nur mit Sykern und Fans aus Niedersachsen, sondern auch aus Nordrhein-Westfalen. Stets darum bemüht, den Besuchern der Familienfeste etwas Besonderes zu bieten, wurden die Bremer Springtierfreunde engagiert. Ihre Spezialität sind fallschirmspringende Kuscheltiere. Bumerang-Werfer traten auf, Heißluftpiloten luden zu luftigen Fahrten ein, Ultraleichtflieger landeten und starteten auf einem nahen Stoppelfeld. Im vergangenen Jahr zeigten erstmals sogenannte Rucksackpiloten, dass ein kleiner Propellermotor auf dem Rücken genügt, um zu fliegen.

Doch einer wird den Besuchern der Drachenfeste 1999 und 2001 in lebhafter Erinnerung bleiben: Ray Bethell. Der Weltmeister im Multiple-Kite ließ ein Dutzend an seinen Schultern, Ellenbogen, Händen, Hüften und Füßen befestigte Drachen nach Musik tanzen.. Dabei war der damals schon 76-jährige Kanadier extrem schwerhörig. Matthias Cordes, der Programmmanager der Feste, der den Mann aus Vancouver nach Syke geholt hatte, drehte die Lautsprecher voll auf. „Jetzt spüre ich die Musik", sagte Ray als seine Flieger sich im Takt wiegten.

Solche Auftritte sind zum 24. Freiluftspektakel zwar nicht vorgesehen, aber das Programm mit Aktionen für Kinder, bestehend aus zum Beispiel Ballonweitflug, Tombola und Basteln kann sich dennoch sehen lassen. Es beginnt am Sonnabend, 14. September um 13 Uhr und endet ohne Zeitangabe mit dem Nachtfliegen beleuchteter Flugobjekte. Am folgenden Sonntag steigen die Drachen wieder ab 11 Uhr auf und weisen den Autofahrern auf der nahen Bundesstraße 6 in Heiligenfelde den Weg zum Jardinghauser Weg im Ortsteil Clues. Ab 18 Uhr packen die Drachenfans ihre Flieger dann wieder ein.