Eine Idee bewegt die Welt

Die Beteiligten einer rundum gelungenen Lesung v.l. Uli Werner, Andrea Meyer, Detthard Wittler. Wolfgang Mindermann und seine Frau Sigrid Mindermann. Foto: Charlotte Peitsmeier

Quelle: Westfalen-Blatt, 10.10.2013

Detthard Wittler präsentiert einzigartiges literarisches Projekt zu Gunsten des Kinderhospizes Löwenherz

Von Charlotte Peitsmeier

Rahden (WB). Es ist eine Geschichte, wie das Leben sie schreibt. Zwei Freunde sitzen während der Weihnachtfeiertage am Kaffeetisch in Achim bei Bremen. Keiner von ihnen hat je ein Buch veröffentlicht, geschrieben oder auch nur daran gedacht. Aber in einem sind sie sich einig, als sie in den randvoll gefüllten Kühlschrank schauen: »Wir werden uns etwas überlegen, um Menschen in der Not zu helfen.« 
Fast zwei Jahre später liest Detthard Wittler in der Rahdener Stadtbücherei aus dem Buch »Der letzte Satz« vor. Anwesend ist einer der besagten Freunde und Initiator des Buches, Wolfgang Mindermann. Er kann heute selbst kaum glauben, was sich aus der Idee von ihm und Christian Hoffmann entwickelt hat. Denn »Der letzte Satz« ist kein normales Buch. Es ist ein »Endlosroman«, der eine regelrechte Bewegung ausgelöst hat, an dem 4690 Autoren aus 60 Ländern mitgewirkt haben und dessen Erlös dem Kinderhospiz Löwenherz zu Gute kommt.

Guter Zweck

»Als meine Frau Sigrid damals in die Küche kam, war Christian und mir klar für welche Institution wir Geld sammeln möchten. Senn denn sie arbeitet ehrenamtlich im Kinderhospiz Löwenherz in Syke«, berichtete Mindermann den Rahdenern. Nach längerem Überlegen sei beiden auch die Idee ihrer einzigartigen literarischen Aktion gekommen. »Wir haben zunächst bei Freunden getestet, was dabei herauskommt, wenn wir ihnen jeweils einen Satz geben und sie daraus eine Geschichte weiterspinnen müssen.« Das Prinzip sei aufgegangen, womit der Grundriss der Aktion stand. In der Hoffnung über das Internet möglichst viele Menschen zu erreichen, erstellten Mindermann und Hofmann die Website www.derletztesatz.de.


Entstehung im Internet

Vom 1. Januar 2012 an, war dort exakt ein Jahr lang immer nur der letzte geschriebene Satz zu sehen und jeder Beteiligte hatte nur zehn Minuten Zeit, um einen oder mehrere Sätze hinzuzufügen. »Anfangs dachten wir, dass sich höchstens um die 300 Menschen an dem Projekt beteiligen würden und wir das fertige Buch auf dem Marktplatz von Achim verkaufen würden. Doch dann hat sich die Aktion lawinenartig entwickelt.« Menschen und Medien bekundeten immer größeres Interesse. Von dem fertigen 304 Seiten starken Buch wurde ein handgebundenes Unikat im März in Bremen für 5000 Euro versteigert, die an das Kinderhospiz gingen.
Dass auch der Roman einzigartig ist, davon konnten sich die Gäste in der Stadtbücherei überzeugen. »Ein kleiner Satz vieler Menschen wird ein großes Buch für die Menschheit«, las Detthard Wittler den ersten Satz des Romans, der von Mindermann selbst verfasst wurde und den Ausgangspunkt des Schreibabenteuers bildete. Fortan erlebten die Zuhörer manche Überraschung und hat viel zu lachen. Denn in welchem Buch wird schon innerhalb weniger Sätze zwischen dem Nordpol und der Wüste Sahara als Handlungsort, einer Robbe und Sänger Robbie Williams als Protagonisten gewechselt? Es waren viele allgemeine Weisheiten, die die Autoren dem Leser näherbringen wollten, aber auch verrückte Einzelgeschichten.

Ein roter Faden

Eines zog sich dabei wie ein roter Faden durch das Buch: »Die Themen Familie, Liebe, Zusammensein, Fernweh und Reisen tauchen immer wieder auf. Es zeigt sich, wie wichtig den Menschen diese Gedanken sind«, stellte Detthard Wittler fest. Er selbst war von dem Buch so beeindruckt, dass er kurzerhand die Lesung in initiierte. Musikalisch begleitet wurde er dabei von Musiker und Komponist Uli Werner aus Lübbecke. Wie Wittler verzichtete er dabei auf eine Gage und spendete zudem den Erlös der verkauften CDs an das Kinderhospiz.
»Dieses Projekt hat eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft hervorgerufen«, sagte Sigrid Mindermann. Das Hospiz sei für die Familien ein Ort des Trostes und biete den Eltern die Möglichkeit, sich von der Belastung zu erholen. Mindermann sah das Problem, dass viele Menschen Berührungsängste mit der Thematik Hospiz haben. »Die Tatsache, dass so kleine Wesen todkrank sind, ruft häufig Scheu und Furcht hervor. Wir hoffen dass die Thematik den Menschen durch ›Der letzte Satz‹ präsenter wird«.
In Rahden schien dies zu glücken. Angeregt tauschten sich die Besucher in den Lesepausen über das Projekt aus. Am Stand von »Das Buch«, erwarben viele noch an diesem Abend ein Exemplar von »Der letzte Satz«, von dem noch immer je 111 Cent an das Kinderhospiz gespendet werden. »Ein Jahr voller Erlebnisse, voller Überraschungen und neuer Eindrücke, ein Jahr in dem etwas Großes entstanden ist«, las Detthard Wittler schließlich den letzten Satz des Romans, der durch den zweiten Initiator Christian Hoffmann gestellt wurde. Einen letzten Satz der nicht das Ende einer bewegenden Geschichte ist, sondern erst der Anfang.