Weiches Löwenherz

Quelle: Chinesische Handelszeitung, 15.02.2014

Das Kinderhospiz „Löwenherz" in Deutschland

Am Weihnachtsvorabend vor vierzehn Jahren machte Alfred Wohlers, ein alter Herr von 70 Jahren, mit Blick auf die Nachrichten in der Zeitung einen Telefonanruf: „Sucht ihr noch ein Grundstück? Ich habe am Waldrand ein Stück Land, das ich verkaufen will, aber ich werde es natürlich nur an euch verkaufen." Die Person auf der anderen Seite der Telefonleitung vereinbarte, nachdem sie von dem alten Herrn eine Beschreibung des Grundstücks gehört hatte, umgehend für den nächsten Tag eine Besichtigung, bei welcher der Handel sofort abgeschlossen wurde.

Dazu muss man wissen, dass es nicht jedermanns Sache ist, als Nachbarn ein Kinderhospiz zu haben, das die Menschen mit Trauer und Hoffnungslosigkeit assoziieren. Bei der Suche nach einem geeigneten Ort musste der deutsche Verein „Kinderhospiz Löwenherz" viele Rückschläge hinnehmen; selbst als der Ministerpräsident von Niedersachsen sich persönlich einschaltete, gab es immer wieder Misserfolge. Als man schließlich dieses landschaftlich wunderschön gelegene Grundstück in der Straße Siebenhäuser, 15 km südlich von Bremen, erhielt, meinten alle: „Das ist das wertvollste Weihnachtsgeschenk!" Dass Alfred Wohlers, der alte Herr, aus dem in seinem Privatbesitz befindlichen 400.000 Quadratmeter großen Grundstück 5.000 Quadratmeter zu einem niedrigen Preis verkaufte, lag nicht daran, dass er etwa das Geld nötig gehabt hätte. Er gab den Erlös aus diesem Grundstücksverkauf als Weihnachtsgeschenk an seine beiden Enkeltöchter, die damals die Mittelschule besuchten, aber unter der Auflage, dass sie erst dann vollständig darüber verfügen dürften, nachdem sie ein Universitätsstudium abgeschlossen haben, als Belohnung.

Dieser großzügige alte Herr ist jetzt 84 Jahre alt, und jedes Mal, wenn ich mit dem Auto dort vorbeifahre, überkommt mich ein Gefühl des Respekts und der Vertrautheit. Am 10. Februar 2014 gab es im Kinderhospiz Löwenherz einen Tag der Offenen Tür, an dem ich nun zum ersten Mal diese vor dem Grün des Waldes sich erhebenden Gebäude aus roten Ziegelsteinen betrat und seinen geheimnisvollen Schleier lüftete.

Ein Ort, an dem todkranke Kinder ihren Träumen freien Lauf lassen

Abgesehen von dem zweistöckigen Hauptgebäude waren die angrenzenden fünf Nebengebäude alle nur einstöckig, von Wald und Wiesen umgeben, eine Landschaft wie aus einem Bild, mitten in der frischen Luft. Kaum war ich durch den Haupteingang eingetreten, wurde meine Aufmerksamkeit auf die bunten, von Hand gemachten Schmetterlinge gelenkt, die von der Decke herunterhingen. Auf jedem von ihnen waren das Bild eines Kindes und eine Erklärung angebracht. Die Mitarbeiter sagten, dass es sich dabei um Informationen über Kinder handelt, die hier gewohnt hatten. Obwohl sie alle nicht sehr lange auf dieser Welt lebten, so hatten sie doch wie ganz normale Kinder auch ein Kinderherz und Träume aus vielen bunten Farben. Das war nun der Ort, wo diese an einer Krankheit leidenden Kinder ihren Träumen freien Lauf lassen können. Es ist ein Verdienst der Mitarbeiter, deren Herz voller Liebe ist, dass die ganze Einrichtung und Ausgestaltung hier überhaupt nichts mit dem gemein hat, wie sich die Menschen die Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit eines Kinderhospizes vorstellen; es sieht absolut aus wie ein schönes, warmes Zuhause.

Mit Rücksicht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von kranken Kindern unterschiedlichen Alters wurde das Hospiz in einen Kinderbereich und einen Jugendlichenbereich unterteilt. In jedem Bereich gibt es 8 Krankenzimmer. Es werden nicht nur die kranken Kinder betreut - auch für ihre Eltern und Geschwister gibt es Schlafzimmer, Kinderspielzimmer, Lesezimmer, Musikzimmer, eine kleine Bar und ein Restaurant, und außerdem noch genug Platz für Aktivitäten im Freien.

Inspiration durch die Brüder Löwenherz

Während der Besichtigung richtete sich in den Gängen die Aufmerksamkeit der vielen Menschen auf die über einhundert Kinderbilder von berühmten Leuten. Dabei handelt es sich um Werke, die von bekannten Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft mit großer Sorgfalt für die Kinder angefertigt wurden. Jedes Werk hat seinen eigenen Stil und seine eigene Farbgebung. Aber sie besitzen auch eine Gemeinsamkeit: auf jedem Bild gibt es ein Herz, auf manchen ist dazu auch noch ein niedlicher Löwe zu sehen. Ich verstehe, dass das deswegen ist, weil das Ganze hier „Löwenherz" heißt - aber wie kam der Kinderhospiz-Verein auf die Idee, den Namen „Löwenherz" zu wählen? Die Mitarbeiter erklärten, das sich der Name „Löwenherz" aus dem Kinderbuch „Brüder Löwenherz" der berühmten schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren ableitet. In dieser Geschichte hat der kleine Bruder von Jonathan von Geburt an eine unheilbare Krankheit und ist nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Jonathan, der große Bruder, kümmert sich mit größter Fürsorge um den kleinen Bruder, und erzählt ihm von einem Ort namens „Nangijala", wo alle gestorbenen Menschen sich wieder treffen. Später rettet er - der große, gesunde Bruder - seinen kleinen Bruder bei einem Brandunfall, kommt aber selbst bei dem Brand ums Leben. Der kleine Bruder glaubt nun, dass sein großer Bruder ihn nicht wirklich verlassen hat, sondern ins Kirschtal von Nangijala gegangen ist. Dort treffen sie sich wieder, klettern zusammen auf Bäume und machen Unsinn, angeln im Teich Fische und erleben zahllose Abenteuer. Der Löwe ist ein Symbol für Mut und Kraft, und die Brüder Löwenherz wiederum sind ein Symbol für Liebe. Die Gründer des deutschen Kinderhospizvereins waren der Meinung, dass dieser Name äußerst gut zu den Intentionen des Vereins passt. Nachdem sie einen förmlichen Antrag gestellt hatten, gestattete die Autorin ihnen nicht nur, für den Verein und das Hospiz den Namen „Löwenherz" zu verwenden; sie fertigte sogar noch persönlich ein Bild für die Kinder, um die den Verlust derer, die ihnen am nächsten stehen, betrauernden Kinder und Familien zu trösten.

Für die Eltern von todkranken Kindern ein Hafen der Erholung

Bei manchen der Kinder, die in das Kinderhospiz Löwenherz kommen, weiß man seit ihrer Geburt, dass sie nur ein paar Jahre alt werden. Bei einigen Kindern wiederum ist es so, dass es zuerst keinen Unterschied zu gesunden Kindern gibt, dann aber im Alter von fünf, sechs Jahren ihre Gliedmaßen und Organe nicht mehr weiter wachsen. Und bei anderen Kindern ist es so, dass sie bei Unfällen aller Art verletzt wurden, und trotz vieler Operationen am Ende die Erkenntnis stand, dass sie nicht geheilt werden können. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt im Durchschnitt nur die Kosten für 28 Tage pro Jahr; wenn ihre Verwandten sie besuchen und betreuen, müssen diese selbst für die Kosten aufkommen. Bei Familien in wirklicher Not kümmert sich das Hospiz und erlässt Gebühren. Die Existenz und Entwicklung des Vereins „Löwenherz" und des Hospizes ist Spenden aus allen Bereichen der Gesellschaft zu verdanken. Das Hospiz hat eine Kooperation mit dem Krankenhaus Links der Weser in Bremen, drei Ärzte kommen abwechselnd hierher zur Arbeit. Es gibt über 80 hauptamtliche Mitarbeiter (mit unterschiedlichen Arbeitszeiten, zumeist nur teilzeitbeschäftigt) und mehr als 200 Freiwillige. Ich weiß von einer Bekannten aus Taiwan, dass sie in der Küche arbeitet, und von noch jemandem, die hier als Freiwillige arbeitet.

„Löwenherz" begleitet nicht nur diese Kinder und Jugendlichen, die nur kurz auf dieser Welt verweilen, auf ihrer letzten Reise; es bietet auch denjenigen Vätern und Müttern, die jahrelang ihre nicht zu einem eigenständigen Leben fähigen kranken Kinder betreuen und psychisch erschöpft sind, einen Ort zum Durchatmen. In mehr als zehn Jahren haben mittlerweile bereits 158 Kinder im „Löwenherz" den letzten Abschnitt ihres kurzen Lebens verbracht. Im „Löwenherz" werden die Namen der Kinder, die diese Welt verlassen haben, auf einen kleinen, bunt bemalten Stein eingeritzt. Gemeinsam mit den Familienangehörigen wird im „Löwenherz" eine Gedenkfeier mit Kerzenlicht durchgeführt, und danach wird der Stein angemessen aufgestellt, damit die Eltern, die ihr Kind verloren haben, an den Jahrestagen zur Erinnerung und zum Gedenken an den Ort kommen können, wo die junge Seele entschwunden ist.

Es heißt, dass es in Deutschland zwölf Kinderhospize gibt, verteilt auf verschiedene Bundesländer. Am erfolgreichsten ist dieses „Löwenherz" in Niedersachsen. Deshalb wurde extra ein Büro eingerichtet, um hierher kommenden Kollegen und mitfühlenden Menschen Informationen über diese Erfahrung zu geben, sowie Hilfe und Ausbildung anzubieten.