Die Einschränkungen sind für einen Tag vergessen

Leonhard Park mit Jason, einem der Teilnehmer bei der vierten Motorradtour der Rotenburger Werke. <br>© Mediengruppe Kreiszeitung

Quelle: Kreiszeitung, 21.07.2014

Motorradtour für Menschen mit Behinderungen / Tiefes Vertrauen zueinander

Kirchlinteln - Von Wiebke Bruns. Wer bei Temperaturen von mehr als 30 Grad im Schatten freiwillig in eine dicke Ledermontur steigt, der muss das Motorradfahren lieben. Die Hitze am Sonnabend war kein Hindernis für die rund 80 Teilnehmer der vierten Motorradtour der Rotenburger Werke. Das Besondere dabei: Menschen mit Behinderungen nahmen hinten auf den schweren Maschinen Platz und genossen neben dem kühlenden Fahrtwind auch das Gefühl von Freiheit.

Es war vielleicht auch das Gefühl von Gleichheit, das Glücksgefühle auslöste. Die Augen von David Holste strahlten, als er von seinem Fahrer „Wolle" erzählte. Sein Glück konnte nur noch durch das eigenständige Fahren eines Quads auf einem Parcours beim Motorradhändler Schollys in Kirchlinteln getoppt werden. Seine Behinderung spielte dabei keine Rolle. Er kann es und es macht ihm Spaß, nur das zählt.

Schollys ist immer die letzte Station bei der Motorradtour. Die Mitarbeiter verbinden dies stets mit einem Aktionstag. Dazu gehören Rabattaktionen und eine große Tombola zu Gunsten des Freizeitbereichs der Rotenburger Werke und des Kinderhospizes Löwenherz. Von Beginn an gehört der Motorradhändler zu den Kooperationspartnern bei der Tour. „Viele Teilnehmer haben nur körperliche Einschränkungen und können diese für einen Tag vergessen", weiß Stefanie Eckhoff, Mitarbeiterin und Tochter des Inhabers Lüder Eckhoff.

„Wolle" war zum ersten Mal dabei und schwärmte kaum weniger als sein Sozius. „Das ist ein echtes Erlebnis. Ich habe mich sehr wohl gefühlt mit dem David hinten drauf", sagte Joachim Wolfram während des Zwischenstopps in Kirchlinteln.

Einen Menschen mit Behinderung als Beifahrer auf dem Motorrad zu haben, verlangt immer auch gegenseitiges Vertrauen. „Sie müssen sich hundertprozentig aufeinander verlassen können", weiß Leonhard Park. Der 58-Jährige hat das Projekt vor vier Jahren ins Leben gerufen und leitet es ehrenamtlich. „So wie alle, die hier mitmachen. Und allen macht es unheimlich Spaß", erklärt er. Es sei eine Veranstaltung auf Augenhöhe von der alle Beteiligten profitieren.

Alexander Kirchhübel fährt ebenfalls Quad und das richtig gut. „Das ist ein Quantensprung, den er sonst niemals machen würde", so Park über die Bedeutung dieser Fahrt. „Menschen mit Behinderungen werden immer noch bei vielen Veranstaltungen ausgeschlossen. Weil man es ihnen nicht zutraut", sagt der gelernte Sozialwirt, der mittlerweile in der IT-Branche tätig ist.

Über seinen eigenen Beitrag bei der Tour verliert der Rotenburger kein Wort. Doch jede Geste und die Art, wie er mit den Teilnehmern spricht, zeigt, wie sehr er sie respektiert. Sie sind auf Augenhöhe. Und das scheint ihnen mindestens so gut zu tun, wie der erfrischende Fahrtwind an diesem unglaublich heißen, aber für die Teilnehmer der Tour ganz besonderen Tag.