Wovon träumen die Teenager im Jugend-Hospiz?

Wovon wir träumen: Ein Besuch bei den Teenagern im Jugend-Hospiz "Löwenherz" in Syke

Quelle: Kreiszeitung, 14.07.2014

Wir sind jung und denken immer, wir hätten noch ganz viel Zeit, um alle unsere Wünsche zu verwirklichen. Manchmal ist man aber auch jung und kann seine Träume trotzdem nicht mehr endlos aufschieben. Wir haben die Teenager im Jugend-Hospiz „Löwenherz" gefragt, was sie unbedingt noch erleben wollen.

Stell Dir vor, Du hast nur noch begrenzt Zeit, um all Deine Träume und Wünsche zu verwirklichen. Und scheiße, in unserem Alter haben wir so verdammt viele davon. Wie soll man das alles schaffen? Und sind die Sachen, die uns in so einer Situation plötzlich ganz wichtig werden, nicht viel zu groß und aufwendig und vielleicht sogar zu unrealistisch, als dass man sie alle noch mal eben so schnell abhaken könnte? Die überraschende Antwort ist: Nein. Der Besuch bei Patrick (15), Christine (19), Markus (14), Ramona (17) Dennis (19) im Jugend-Hospiz "Löwenherz" in Syke macht sehr schnell klar: Es geht um ganz normale Dinge. Alle diese Wünsche sind machbar. Aber lest am besten selbst.

Text und Gesprächsprotokolle: Miriam Unger

„Mehr Action und eine Ausbildung – am liebsten als Koch."

Patrick (15 Jahre): „Ich bin sehr oft im Krankenhaus gewesen. Das ist schon sowas wie mein zweites Zuhause. Aber das ist nicht schlimm für mich – ich bin es ja so gewöhnt.

Ich hab Epilepsie und einen Hirntumor. Für alle, die nicht wissen, was Epilepsie ist: Ich bekomme dann immer so Anfälle, bei denen ich plötzlich krampfe. Mein ganzer Körper wird steif, so dass mir Notfallmittel gespritzt werden müssen. Ich habe auch Tabletten, die ich dagegen nehme. Und ein Medikament, das ,Buccolam' heißt. Das wird mir in solchen Situationen gegeben. Dann muss man warten. Und wenn es nach 20 Milligramm ,Buccolam' nicht besser wird, dann muss ein Notarzt gerufen werden.

Patrick© Jugendredaktion chili / Miriam Unger

Es tut nicht weh, wenn ich so einen Anfall habe. Ich merke nicht viel davon. Auch nicht, wenn ich krampfe. Einmal habe ich so schlimm gekrampft, dass ich in Vollnarkose gelegt werden musste. Aber ich erinnere mich nicht daran. Der Hirntumor ist gutartig, aber er sorgt dafür, dass ich nicht fühle, wenn mir was wehtut. Dann kann man mich kneifen, aber ich merke es nicht, weil so ein Signal wie Schmerz in meinem Körper nicht weitergeleitet wird. Ich merke zwar, dass ich gekniffen werde, aber ich kann nicht sagen, wie. Und ich kann auch nichts dagegen machen. Die Ärzte gucken immer, was der Tumor in meinem Kopf macht. Ob er größer geworden ist. Ich muss zu EEGs, und manchmal werde ich in eine Röhre reingeschoben. Aber das geht nur in Vollnarkose, weil ich das so lange nicht kann. Meine Mutter ist mich im Krankenhaus immer jeden Tag besuchen gekommen. Von Montag bis Freitag. Und mein Vater am Wochenende. Wenn ich jetzt wieder ins Krankenhaus muss, würde das aber gar nicht mehr gehen, weil meine Mutter wieder arbeitet. Zum Glück gibt's aber auch im Krankenhaus Sachen, mit denen ich meine Zeit verbringen kann. Eine Wii. Und Fernseher auf dem Zimmer. Ich gucke alle Spiele von Hannover 96. Das ist mein Lieblingsverein. Außer Fußball interessiere ich mich noch für Basketball. Und ich gehe gerne zum ,Jungen Treffen' von der Kirche.
Auf meinem Bild sieht man, wovon ich träume: Ich habe Miroslav Klose aufgeklebt, weil er mir als Stürmer sehr gut gefällt – und weil ich auch immer davon geträumt habe, selber mal als Fußballer zu arbeiten.

Dann: Schnelle Autos. Ich gucke mir gerne die Serie ,Alarm für Cobra 11'an. Wie die da Verfolgungsjagden machen, Autos, LKW und Häuser in die Luft jagen, alles sprengen, alles fliegt rum und geht in Flammen auf – so viel Action hätte ich auch gerne in meinem Leben!

Rechts im Bild sieht man einen Typen mit zwei Frauen. Welche Bedeutung der in meinen Träumen hat? (lacht) Dass ich niemals im Büro arbeiten will!

Ich bin jetzt in der zehnten Klasse und hab schon fast meine Schule fertig. Aber Schule macht mir keinen Spaß. Ich möchte viel lieber arbeiten. Am liebsten als Koch. Was ich dann immer kochen würde, weiß ich noch nicht, denn so ein richtiges Lieblingsgericht hab ich gar nicht. Ich mag vieles gern. Aber ich würde einfach sehr gerne als Koch arbeiten."

„Dass mir mal jemand einen Zehn-Zylinder-Motor erklärt"

Dennis (19 Jahre):„Also, ich denke, man kann hier sehr gut sehen, dass ich ein absoluter Autofanatiker bin! Der große Wagen auf meinem Bild ist ein Ford Mustang. Wenn ich von einem Auto träume, dann genau von diesem Ford Mustang! Aber ich bin auch Audi-Fan. Den R8 finde ich schön – in Silber oder Mattschwarz. Ich würde auch gern mal in einem Bugatti mitfahren. Bugatti baut die schnellsten Wagen der Welt.

Dennis© Jugendredaktion chili / Miriam Unger

Wohin es geht, ob es abends oder morgens ist und draußen hell oder dunkel – das wäre mir alles egal. Am liebsten natürlich einmal quer durch die Welt! Wenn's sein muss, können wir auch überall anhalten. Aber was man draußen alles so sehen kann, interessiert mich gar nicht so sehr. Es geht mir eigentlich nur darum, dass die PS-Zahl sehr hoch ist. Je mehr Geschwindigkeit, desto besser! Ich würde auch keine Musik auf der Fahrt anmachen, denn ich höre die Geräusche vom Auto einfach gern. Ich habe sogar einen Lieblingsmotor. Das ist auch 'ne Sache, von der ich noch träume: Ich würde gerne jemanden treffen, der mir mal so richtig einen Motor erklären kann. Am besten einen Zehn-Zylinder. Aber ob das geht...?
Ich bin auch total tuning-verrückt und gucke mir gerne im Fernsehen Tuning-Sendungen an. Es muss toll sein, ein eigenes Auto zu haben, an dem man selber rumbauen kann. Was dann natürlich unbedingt sein muss: Mehr Leistung reinprügeln!

Sonst habe ich eigentlich keine Wünsche. Ich lasse alles so auf mich zukommen. Ich weiß ja selber, dass ich einen Tick habe, weil ich mich so für Autos interessiere. Aber in allen anderen Bereichen ist es wirklich einfacher mit mir..."

„Dass es mir wieder besser geht und ich mit meiner kleinen Tochter leben kann"

Christine (19 Jahre):„Auf meinem Traumbild sieht man: Die Aida. Einen Salat. Einen Cocktail. Eine Waffel. Erdbeertorte... Denn ich liiiiiiiiebe Erdbeeren! Ja, das ist so das, wovon ich im Moment träume: Eine Traumreise machen. Egal wohin. Ich würde mir sowieso lieber das Schiff angucken als irgendwelche Länder. Mich entspannen, massieren lassen, schön in der Sonne sitzen und ganz viel essen: Frühlingsrollen, Döner, Burger, Kokosmix... Ich muss nämlich zunehmen.

Christine© Jugendredaktion chili / Miriam Unger

Ich war so viel im Krankenhaus, dass man denken könnte, es wäre ein Hobby von mir. Ich hatte einen schweren Herzinfarkt und eine Lungenzündung. Es hieß, dass ich sterbe. Darum bin ich ins Hospiz gekommen. Aber ich hab mich in den vier Wochen hier hochgerappelt, ein bisschen Kraft gekriegt, und ich kann jetzt schon wieder fast alles. Vor ein paar Wochen konnte ich keine Treppen laufen und auch sonst gar nix mehr. Wenn man was mit dem Herz hat, dann ist man immer nur schlapp. Ich brauche ein neues Herz. Stehe aber nicht auf einer Liste für Spender-Organe. Ich muss mir das noch überlegen. Es ist ja ein großer Eingriff. Eine lange OP. Ein hohes Risiko. Und ich müsste wieder sehr lange im Krankenhaus liegen...
Natürlich wünsche ich mir, dass ich wieder gesund werde. Dass es mir besser geht, ist wichtig für meinen ganz großen Traum, der viel wichtiger ist als die Schiffsreise und alles andere. Ich träume davon, dass meine Tochter wieder bei mir leben kann. Sie ist jetzt acht Monate alt und lebt in einer Pflegefamilie. Ich hoffe, ich kann sie bald mal wiedersehen. Das Erste, was ich dann mache, ist: Kuscheln! Abknutschen! Sie einfach nur angucken! Sie sieht mir ähnlich. Sie hat einfach alles von mir – auch das Zickige. Ich liebe sie sehr. Sie heißt Mia-Sophie. Mit Bindestrich. Und Sophie mit ph. Und sie wächst gerade so schnell..."

„Nachts Pizza bestellen und meinen Lieblingsverein Schalke ein Mal live spielen sehen!"

Markus (14 Jahre):„Meine Mutter sagt immer, essen wäre für mich das Wichtigste im Leben, alles andere wäre mir egal. Ich esse wirklich total gerne – obwohl man das nicht sieht. Am liebsten mag ich Stockbrot. Und Zitronen, einfach so, ohne Zucker. Hauptsächlich mag ich herzhafte Sachen. Ich gehe auch gerne in Restaurants.

Markus© Jugendredaktion chili / Miriam Unger

Aber ich interessiere mich natürlich auch noch für andere Sachen als essen: Quad fahren, angeln, Jetski, skaten, Playstation spielen, shoppen, Musik hören – am liebsten von ,Kollegah' und ,Casper'. ,Casper' hab ich sogar schon mal live gesehen. In der Uniklinik arbeitet eine richtig nette Krankenschwester, und die kennt den. Sie hat dafür gesorgt, dass ich mit ihr zum Konzert gehen und danach mit ihm reden konnte. Das war so geil, und er war echt voll nett. Und sonst bin ich Schalke Fan. Das sieht man auch auf meinem Bild. Ich habe den Verein nur leider noch nie live gesehen. Darum würde ich gerne mal in dieses Stadion ,auf Schalke' in Gelsenkirchen und mir ein Fußballspiel angucken. Da soll so eine ganz besondere Stimmung sein...
Was ich auch gern angucke, ist ,Alarm für Cobra 11'. Diese Action gefällt mir, dass die da ballern und crashen. Ich selber würde sowas aber nicht gerne ausprobieren. Darf ich ja auch gar nicht...

Ach, und Boxen sehe ich mir gerne zusammen mit meinem Opa an – am liebsten Klitschko gegen irgendwen. Ich versteh zwar die Regeln nicht, aber ich bin einfach für Klitschko.

Und ich find's toll, bis Mitternacht Fernsehen zu gucken. Das dürfen wir im Krankenhaus manchmal. Ich hab auch schon ein paar Kumpels und Kumpelinchen da, und wir bleiben am liebsten die ganze Nacht wach, bis zwei Uhr morgens oderso, und bestellen uns Pizza. Das ist toll – dass man nachts Pizza essen und Cola trinken kann, wenn alle anderen schlafen."

„Ich würde gern mal ins Disneyland. Und ich träume von den Dülmener Wildpferden."

Ramona (17 Jahre):„Jeden Mittwoch gehe ich zum therapeutischen Reiten. Da haben wir ein richtig großes Pferd. Aber ich hätte so gerne ein eigenes! Am liebsten ein Dülmener Wildpferd. Die haben so grau-beiges Fell, dunkle Streifen an den Unterschenkeln, die Mähne ist gräulich und ganz zerzaust. Sie leben in einer Herde im Naturschutzgebiet Mehrfelder Bruch und sind wild. Auf denen reitet keiner. Die sind da nur so alleine für sich. So ein Pferd würde ich gerne haben! Wenn es möglich wäre, würde ich es von einem Profi zähmen lassen. Wenn nicht, wäre das aber auch nicht schlimm. Ich würde es , Spirit' nennen.

Ramona© Jugendredaktion chili / Miriam Unger

Und sonst träume ich schon ganz lange davon, einmal mit Freunden oder meiner Mutter ins Disneyland Paris zu fahren. Ich bin generell ein großer Disneyfan. Disney macht so schöne Filme und setzt emotional immer noch einen drauf. Guck Dir doch nur mal ,König der Löwen' an – diese Musik... Die ganzen Lieder... Das ist doch toll! Ich würde im Disneyland gerne mal die ganzen Charaktere aus den Filmen treffen, mir Autogramme holen und Fotos mit ihnen machen. Meine Lieblingsfigur ist Bolt. Das ist ein Hund, der Superkräfte hat und damit seinen Besitzer beschützt. Ich hätte auch gerne so einen Hund. Oder selber Superkräfte. Am besten fände ich es, wenn ich mich in einen Drachen verwandeln und irgendwo hinfliegen könnte. Dann müsste ich nicht mehr mit dem Bus im Stau stehen, wenn alle zur Arbeit fahren.
Ich selber hab noch ein Jahr Schule, danach will ich zum Arbeiten in die Werkstätten gehen. Da gibt's viele Bereiche, wo Sachen selber gemacht werden – Prospekte, Spiele, Holzarbeiten... Es gibt eine Näherei, eine Druckerei, einen Hofladen...

Ich bin gespannt, wie es ist, zu arbeiten. Manchmal helfe ich zu Hause im Garten, sowas macht mir auch Spaß. Sonst sind meine Hobbys: Reiten natürlich, schwimmen, Freunde treffen, Uno und am PC spielen, Mama ärgern, fernsehen, Musik hören – am liebsten ,Mein Herz, das brennt' von Beatrice Egli – und skypen... Skypen ist toll! Mein längstes Gespräch war bis zwei Uhr morgens. Da haben wir mit Freunden erst über die Schule rumgetratscht, und dann sind wir irgendwie auf den Weltuntergang gekommen. Davor hatten wir richtig Schiss, und wir haben ganz lange darüber gesprochen.

Was ich mir sonst wünsche? Dass das Jahr noch richtig spannend wird! Und Gesundheit. Dass ich gesund genug bin, damit ich viel mit dem Hospiz erleben kann. Vielleicht ja sogar mal eine Ferienwoche mit Ausflug."