Für ein Sterben in Würde

Quelle: Syker Kurier, 25.11.2014

Hospizvereine lehnen Sterbehilfe und begleiteten Suizid ab / Viele andere Möglichkeiten für letzte Lebenszeit

Von Annika Lütje

Wer denkt schon gern über seinen Tod nach? Doch zurzeit kommt man kaum darum herum. Die aktuelle Debatte über die Legalisierung von Sterbehilfe oder begleiteten Suizid lässt Fronten aufeinander prallen. Doch wie ist ein Ableben in Würde und Selbstbestimmtheit möglich?

Darf man jemandem dabei helfen, sein Leben zu beenden? Und wenn ja: In welchem Rahmen? Mit dieser Frage beschäftigt man sich derzeit sogar auf höchster Ebene – nämlich im Deutschen Bundestag. Viele Meinungen prallen bei dem Thema aufeinander. Viele tun sich mit der Entscheidung schwer, in welcher Begrenzung aktive Sterbehilfe oder begleiteter Suizid legal sein soll.

Andere lehnen beide Varianten komplett ab – häufig mit dem Begriff der Würde als Argument. Doch was ist die Alternative? Und wie beendet man sein Leben würdevoll?

Die Recherche zu diesen Fragen gestaltet sich schwierig. Kaum jemand möchte sich zu dem Thema äußern. Das zeigt, wie sensibel, aber auch wie relevant es ist. Das bestätigt zum Beispiel Gaby Letzing, Leiterin des Kinder- und Jugendhospizes Löwenherz in Syke. Trotzdem ist sie bereit, darüber zu sprechen.

„Wenn jemand sterbenskrank ist und sagt, dass er vorher sterben möchte, als es sein körperlicher Zustand erlaubt, kann ich das sogar nachvollziehen", sagt Letzing. „Gleichzeitig ist die Zeit bis zum Sterben sehr kostbar, und wir können mit Gesprächen und Medikamenten helfen, diese Zeit positiv zu gestalten und die Sichtweise auf den Tod zu verändern", fügt sie hinzu.

Die Frage nach Sterbehilfe oder begleitetem Suizid begegne den Mitarbeitern im Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz so gut wie nie. Die Debatte setzt eben voraus, dass der Patient mündig und somit volljährig ist. Doch Gaby Letzing hat vor ihrer Tätigkeit bei Löwenherz viel Erfahrung im Hospizbereich für Erwachsene gesammelt.

Aus diesen Erfahrungen heraus, hält sie die Debatte auch gesellschaftspolitisch für problematisch. „Ich kann verstehen, wenn sich jemand mit der Ausweitung der Krankheit und den möglichen Schmerzen nicht auseinander setzen möchte und sich daraus heraus eine gewisse Sehnsucht nach dem Tod entwickelt", sagt Letzing. Doch es gebe viele Möglichkeiten, den Patienten die Angst vor den Schmerzen, vor Atemnot und dem Übergang in den Tod zu nehmen. Dafür seien sehr viele Gespräche und eine sehr gute palliative Versorgung nötig.

Das Ziel sei, es dem Patienten zu ermöglichen, jeden Tag bis zum letzten Atemzug zu nutzen, statt auf den Tod warten zu müssen. Unmöglich Geglaubtes solle ermöglicht werden und jeder Tag mit Leben gefüllt sein. Genau das heißt für Letzing, sein Leben in Würde zu beenden. Dazu gehöre auch, dem Patienten zu zeigen, dass er nicht allein ist, seine Schmerzen ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass er zuverlässig und in einem geschützten Rahmen versorgt wird.

„Wenn jemand aufgrund seiner Krankheit inkontinent wird, hat mancher das Gefühl, dass er seine Würde verliert. Wird er dann stundenlang liegen gelassen oder unsensibel versorgt, ist das eine Verletzung seiner Würde", sagt Letzing. Der große Begriff Würde fängt eben schon bei Kleinigkeiten an.

Würde habe laut Letzing auch etwas mit der Haltung der Gesellschaft zu tun. „Ich finde es sehr problematisch, wenn wir die einzige Möglichkeit darin sehen, bei einer schweren Erkrankung das Leben schnell zu beenden und uns so des Problems zu entledigen. Meine Befürchtung ist, dass vielleicht weniger nach anderen Lösungen geschaut wird, wenn es auch die schnelle gibt", sagt die Hospizleiterin. „Das kann man ja schon an der pränatalen Diagnostik beobachten, wo sich viele dafür entscheiden, ein behindertes Kind abzutreiben, weil sie Angst vor den möglichen Schwierigkeiten haben", fügt sie hinzu.

Dabei gebe es so viele Möglichkeiten, die letzten Tage eines Lebens angenehm zu gestalten, die eine Sterbehilfe oder einen begleiteten Suizid unnötig machen würden. So sieht es auch Silke Meier-Sudmann, Hospizkoordinatorin bei den Maltesern in Twistringen. „Mit einer palliativen Begleitung klappt es durch den seit 2012 bestehenden Palliativstützpunkt im Landkreis Diepholz ganz wunderbar – gerade im ambulanten Bereich", sagt sie. Wenn es jemandem schlecht geht, sei dadurch sofort jemand da. So müsse niemand Angst vorm Sterben haben.

Eine aktive Sterbehilfe oder einen begleitenden Suizid lehnen die Hospizvereine grundsätzlich ab. Das bedeutet aber nicht, dass man qualvoll dahinsiechen muss. „In Deutschland ist die indirekte Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt", erklärt Gaby Letzing. „Wenn ein Patient sehr starke Schmerzen hat, darf der Arzt das Schmerzmittel, beispielsweise Morphin, auch über die Dosierungsempfehlung verordnen – mit dem Ziel, dass der Mensch keine Schmerzen hat und nicht unnötig leidet", führt sie aus, und weiter: „Manchmal kommt man bei der Dosierung an eine Grenze, wo es zum Beispiel als Nebenwirkung auch zu einem Atemstillstand kommen kann. Damit der Patient aber eben von Schmerzen verschont bleibt, kann das in Kauf genommen werden. Dann ist der Tod aber die Folge des Vermeidens von unnötigem Leid und keine aktive Sterbehilfe."

Bei Letzterer müsse man sich zudem fragen, was das mit denen macht, die die Sterbehilfe vollziehen, so Silke Meier-Sudmann. Gerade weil viele Patienten den Wunsch hätten, ihre letzte Zeit zu Hause zu verbringen, solle man lieber den ambulanten Hospiz- und Palliativbereich ausbauen, meint sie.

Formen von Sterbehilfe

  • Aktive Sterbehilfe: Der Tod eines Patienten wird absichtlich herbeigeführt, indem ihm ein Arzt eine tödliche Dosis von Medikamenten verabreicht. Diese Art der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten.
  • Begleiteter Suizid (oder: Assistierte Selbsttötung): Jemand besorgt einem Patienten tödliche Medikamente, die dieser aber selbstständig einnehmen muss. Ihm darf dabei auch nicht die Hand zum Mund geführt werden. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland nicht strafbar, Ärzten drohen jedoch berufsrechtliche Konsequenzen, möglicherweise sogar der Entzug der Approbation.
  • Indirekte Sterbehilfe: Einem Patienten werden auf eigenen Wunsch von einem Arzt schmerzlindernde Medikamente verabreicht. Eine lebensverkürzende Wirkung ist dabei nicht beabsichtigt, wird aber in Kauf genommen. Die Art der Sterbehilfe ist straffrei.
  • Passive Sterbehilfe: Auf Wunsch des Patienten werden lebensverlängernde Maßnahmen wie künstliche Ernährung eingestellt. Die Grundpflege, Seelsorge und schmerzlindernde Behandlung werden aber fortgeführt. Ist der Wille des Patienten entsprechend festgehalten, ist diese Sterbehilfe straflos.