Nostalgisches von den Fußball-Helden

Werner Denkena veranstaltet seit 2009 regelmäßig die Fußballsammlerbörse. (Frank Thomas Koch)

Quelle: Weser-Kurier, 18.05.2015

Sammlerbörse im Werderstadion

Von: Myriam Apke

Es ist fast wie damals, im Mai 1965: Fans stehen an, warten geduldig auf ein Autogramm von Max Lorenz und Horst-Dieter Höttges. Vor 50 Jahren haben diese beiden Fußball-Helden in der Mannschaft von Trainer Willi Multhaup zum ersten Mal den Meistertitel für den SV Werder Bremen erspielt. Dass sie noch immer von Menschen geehrt werden, überrascht die ehemaligen Profi-Sportler: „Es kommen Frauen und Männer, junge und alte, die uns an die früheren Ereignisse erinnern", sagt Lorenz.

Es ist der Sonntag nach dem letzten Heimspiel, und wie in jedem Jahr treffen sich Kickerliebhaber aus Bremen und ganz Norddeutschland zur alljährlichen Fußballsammlerbörse im Ostkurvensaal des Weserstadions. Es wird verkauft, gekauft, getauscht – viele kennen sich schon aus den vergangenen Jahren. „Es geht vor allem um den Spaß am Sammeln. Das verbindet uns hier", sagt Verkäufer Olaf Engler, der ein bekennender Duisburgfan ist und dadurch auffällt. Denn der Großteil der Börsianer hat sich für lebenslang Grün-weiß entschieden: Mützen, Schals, Sticker und Fotos – auf den meisten Verkaufstischen liegt das aus, was einhundert Prozent Werder Bremen ist. Doch Engler meint: „Man kann es sich nicht aussuchen. Mein Vater hat mich als Duisburgfan eben geprägt und wechseln geht nicht." Außerdem ist er willkommen, denn wie Veranstalter Werner Denkena sagt, handelt es sich um keine Werder-, sondern um eine Börse für alle Sammler.

Die Fans wissen das zu schätzen und kommen gern. Viele sind schon da, bevor sich die Türen öffnen. „Dieses Mal sind mit etwa 400 Leuten sehr viele gekommen, was wohl an der angekündigten Autogrammstunde lag", glaubt Denkena. Auch er verkauft an einem Stand: Ein Stapel der Stadionzeitung „Werder Echo" aus der Saison 1985/86 liegt neben einem vergilbten Foto von Werner Dreßel, der in den 1970er Jahren an der Weser gespielt hat. Kurz danach wechselte er zum Erzrivalen Hamburger SV, was einigen Fans noch in Erinnerung ist. Sie schauen konzentriert die Fotostapel durch und sichten Gesichter und Namen von aktiven und ehemaligen Fußballspielern. An Dreßel hatte bisher noch keiner Interesse. „Aber die Geschäfte laufen gut", meint Carsten Winter, der seit über 36 Jahren dem Verein SV Werder Bremen treu geblieben ist: „Ich bin hier aufgewachsen, ich bin Grün-weiß geboren." Der Grund, warum er jetzt trotzdem seine Fan-Artikel zum Verkauf anbietet, lautet: „Platz für Neues schaffen". Mit sieben Jahren war Winter das erste Mal im Stadion. Damals hat Frankfurt verloren und er wurde zum liebenden „Werderfan". Wie es vor 50 Jahren zum ersten Titel kam, weiß er genau – wenn auch nur aus Geschichten.

So ist es auch bei Daniela Stötter: Ihr Vater hat erzählt – vom Verein und von den Fußballjungs. Er hat sie mit ins Stadion genommen und sie mit seiner Begeisterung für Werder angesteckt. Da ist es klar, dass sie, die in der Nähe von Ulm wohnt, rund 700 Kilometer reist, um ihre Helden spielen zu sehen und einen Schriftzug von Lorenz und Höttges zu ergattern: „Ich besitze bestimmt 20 Trikots, habe Werder-Tassen, Poster, Kalender und auch noch Fotos aus der Meisterzeit", erzählt Stötter. Und man glaubt ihr, wenn man ihre grünen Schuhe, ihre Werdertasche zum Umhängen, und das Vereinslogo auf ihrem Pullover sieht. Sogar ihre Augen sind grün und beginnen zu leuchten, wenn sie erzählt: „Ich bastele in jeder Saison eine neue Collage aus den aktuellen Spielerfotos und hänge sie auf." Ihre momentanen Lieblingsspieler: Alexander Milosevic und Fin Bartels, von denen sie sich wünscht, dass sie Werder in der nächstens Saison endlich wieder zu einem Meistertitel verhelfen.

Dass wünscht sich auch Max Lorenz, der mit dem Ergebnis der jetzt zu Ende gegangenen Saison zufrieden ist. „Es ist ein Neuanfang, die Mannschaft ist jung und stark", sagt er. Dennoch müsse man auch erfahrene Spieler einsetzen, denn „auf die Mischung kommt es an", meint er.

So ist es wohl auch beim Sammeln: Aufmerksam gehen die Interessierten durch den Saal, erblicken Neues und Altes und sind auf der Jagd nach den besonderen Schätzen. Olaf Engler, der Duisburgfan, bietet ein Schmuckstück an: Es ist ein Vorläufer der heutigen Tischkicker, vermutlich aus den 1920er Jahren. Auf dem Feld stehen sechs Spieler, deren Beine über kleine Drahthaken zu bewegen sind. „Ich habe es selbst einmal auf dem Flohmarkt erstanden. Wer dieses Spiel hergestellt hat und welche Geschichte es hat, ist unbekannt", sagt er. Die Spielregeln aber sind geläufig: Das Runde muss ins Eckige. Das weiß auch Tochter Sophie (10) und zeigt, wie man die Holzkugel gezielt ins Tor schießt. Sie ist übrigens Werder- und Duisburgfan. Olaf Engler verlangt mindestens 50 Euro für das Spiel, ein vergleichsweise hoher Preis. Die meisten Artikel der Börse sind günstiger, einige sogar gratis. Denn es geht um die Gemeinschaft und um zwei Leidenschaften: Fußball und Sammeln. Und bei der Versteigerung von getragenen Spielertrikots wurde zudem Geld für das Kinderhospiz Löwenherz gesammelt.