Das Lebensende bewusst erleben

An Aufgaben für Trauer- und Sterbebegleiter mangelt es ihnen zufolge nicht: Karin Meiners, Vorsitzende des Vereins Hospiz Weyhe (links), und Koordinatorin Christa Kastens. (Udo Meissner)

Quelle: Weser Kurier, 08.10.2016

Von Sebastian Kelm

Am heutigen Sonnabend ist Welthospiztag – und in Weyhe suchen die Ehrenamtlichen händeringend Helfer

Weyhe. Karin Meiners bezeichnet sich nicht als gläubigen Menschen. Und doch: Im Laufe ihrer Fortbildung zur Hospizbegleiterin gelangte sie an einen Punkt, an dem sie nicht anders konnte, als eine Fügung zu sehen. „Wir sollten uns in einem Seminar in die Rolle des Sterbenden versetzen, überlegen, wem man sich selbst anvertrauen würde“, erzählt die Vorsitzende des Weyher Hospizvereins. Sie wollte jemanden auf Augenhöhe, dachte sie sich, niemanden, der einen nur bemitleidet. „Da kam mir meine Schwägerin in den Sinn“, sagt sie. Nun aber der tragische Teil, der Karin Meiners glauben ließ, dass es vielleicht genau so kommen sollte: Später sollte es stattdessen sie sein, die ihre Schwägerin in den Tod begleitete – mit nur 42 Jahren.

Insgesamt kann sie aber sagen – und das an diesem Sonnabend, 8. Oktober, dem Welthospiztag: „Es ist eine tolle Ausbildung, die viel mit einem macht.“ Sie wirbt aus Überzeugung dafür, sich in der Sterbe- und Trauerbegleitung zu engagieren, aber auch deshalb, weil sie dringend Mitstreiter sucht. „Gern auch männliche, denn vor allem junge Männer haben vor dem Tod oft noch einiges zu besprechen“, sagt sie.

13 Ehrenamtliche hat der 1998 gegründete Weyher Hospizverein aktuell. „Die Leute werden auch gebraucht“, versichert die Vorsitzende. Ihr Auftrag: Dazu beitragen, dass Krankheit und Tod in unserer Gesellschaft ihren Schrecken verlieren. Die Philosophie des Teams lautet „Leben bis zum letzten Atemzug, weil Du es wert bist.“ Man wolle Menschen mit begrenzter Zeit und deren Angehörige dazu ermutigen, ihre finale Lebensphase bewusst zu leben, diese als etwas Wertvolles, Unwiederbringliches zu betrachten, sie zu nutzen, um sich mit Familie und Freunden auszutauschen, noch bestehende Wünsche anzusprechen und wenn möglich auch umzusetzen.

Das bedeute auch, Bedingungen zu schaffen, die eine häusliche Versorgung möglich machen. „Wir pflegen aber nicht“, stellt Karin Meiners klar. Dafür komme man nach Hause, in das Seniorenheim, halte auch Kontakt auf der Palliativstation oder in der Klinik. Und auch die Angehörigen sollen Entlastung erfahren: „Damit die auch mal schlafen können oder einfach nur zwischendurch zum Frisör, zum Einkaufen.“ Genau dafür wird Verstärkung für das Team benötigt.

Ausbildungsmöglichkeiten gibt es hauptsächlich in Bremen, aber auch der Kirchenkreis biete etwas an. Da dauere es laut Karin Meiners aber länger. Die Kosten müssen die Teilnehmer zunächst selbst tragen. „Wer aber zwei Jahre bei uns bleibt, bekommt sie erstattet“, so die Vorsitzende. Am Geld solle es aber nicht scheitern: Wer sich die Ausbildung nicht leisten könne, erhalte Unterstützung. Verdient wird später aber nichts, es gibt lediglich Fahrtgeld. Karin Meiners: „Mitzumachen soll eine Haltung sein, kein Geschäft.“

Immer donnerstags finden Besprechungen der Begleiter statt. „Da fangen wir uns gegenseitig auf“, sagt Meiners. Neben den Beratungsgesprächen für unheilbar Kranke und ihre Angehörigen werden für letztere auch ein Trauergruppentreffen an Mittwochabenden veranstaltet. Zehn Betroffene besuchen diese Treffen laut Meiners derzeit, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. „Was da beredet wird, bleibt auch da“, betont Karin Meiners die Vertraulichkeit dieser Runden.

Kürzlich weilte die Weyher Gruppe in der Katholischen Akademie Stapelfeld, um sich in Sachen Sterbe- und Trauerbegleitung auf den neuesten Stand zu bringen. Eine für sie wichtige Änderung sei das Anfang des Jahres verabschiedete Hospiz- und Palliativgesetz, das jedem Schwerstkranken das Recht auf eine entsprechende Versorgung zuspreche. Dafür sei eine Vernetzung aller Beteiligten von ambulanten Diensten wie in Twistringen, Pflegeeinrichtungen, Seelsorgern, Hospizen bis hin zu den betreuenden Familienmitgliedern oder Bekannten. „Auch niedergelassene Ärzte gehören dazu, obwohl die uns früher als Konkurrenz gesehen haben“, sagt Karin Meiners. Ein wichtiger Partner sei auch der Verein Pro Dem: „Die wissen einfach am besten über rechtliche Dinge Bescheid.“

Eigene Aktionen plant der Hospizverein Weyhe am Welthospiztag nicht, Karin Meiners referiert an diesem Sonnabend auf Einladung des Kinderhospizes Löwenherz in Syke. Aber über diesen Tag hinaus bleibt die Hoffnung auf helfende Hände, die dazu beitragen wollen, dass kein Sterbender in Einsamkeit versinken muss.

Ansässig ist der Verein Hospiz Weyhe in der Alten Wache am Henry-Wetjen-Platz in Leeste. Zu erreichen ist er telefonisch unter der Nummer 0421/808074. Weitere Informationen gibt es auch online unter www.hospiz-weyhe.de.

„Ärzte haben uns früher als Konkurrenz gesehen.“ Karin Meiners