Eine Löwin zieht weiter

Die Baumeisterin: Barbara Frerker war von der ersten Stunde an dabei und hat seitdem einiges mit aufgebaut. Die gewonnene Erfahrung möchte sie jetzt wieder mit in die freie Wirtschaft nehmen. Fanny Lanfermann wird ihre Nachfolgerin. (Udo Meissner)

Quelle: Weser Kurier, 20.07.2016

Von Dominik Albrecht

Die Geschäftsführerin Barbara Frerker verlässt nach 13 Jahren das Kinderhospiz Löwenherz in Syke

Syke. „Das Schiff läuft hervorragend“, antwortet Barbara Frerker auf die Frage, wie sie sich als Kapitänin fühlt, die ihr „Schiff“ MS Kinderhospiz Löwenherz nach 13 Jahren verlässt. Hinter ihr liegen Jahre des Aufbaus und der Schicksale, vor ihr liegen neue Herausforderungen.

Barbara Frerker hat früher Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing studiert, machte ihren Abschluss zur Diplom-Betriebswirtin und arbeitete unter anderem bei der Handelskammer. Ihren Weg zum Kinderhospiz fand die Noch-Geschäftsführerin aus sehr persönlichen Gründen. „Bei der Geburt meines Sohnes im Jahre 1997 ist alles schief gelaufen, was schief laufen konnte“, erzählt sie aus ihrem Leben. Durch einen Ärzte-Fehler sei ihr Sohn mehrfach schwerstbehindert.

Gaby Letzing, die jetzige Leiterin des Kinderhospizes, hat sich damals als ambulante Krankenschwester um den Sohn von Barbara Frerker gekümmert. „Sie erzählte mir damals von ihrer Idee, ein Kinderhospiz aufzubauen“, so Frerker. Am 20. Mai 1998 besuchte Frerker die Gründungsversammlung des Kinderhsopizes Löwenherz in Sulingen. 2003 begann ihre Zeit beim Kinderhospiz als hauptamtliche Büroleiterin des Vereins. „Meine erste Aufgabe war, den Umzug des Büros von Sulingen nach Syke zu organisieren“, berichtet sie.

Mit dem Erfolg des Kinderhospizes hätte Barbara Frerker damals nie gerechnet. „Wenn man uns damals gesagt hätte, was wir jetzt machen, wäre keiner zur Gründungsversammlung gegangen, weil es ihnen viel zu groß gewesen wäre“, erzählt Barbara Frerker. Die Grundidee sei eine ganz andere gewesen: „Wir wollten irgendwo ein Bauernhaus kaufen, vier Krankenschwestern einstellen und mal Kinderhospizarbeit machen.“

Doch bereits in den fünf Jahren Aufbau des Kinderhospizes sei schnell klar geworden, dass dies so gar nicht möglich war. „Die Familien möchten eine professionelle Unterstützung haben, ansonsten würden sie ihre Kinder gar nicht abgeben“, schlussfolgert Frerker. Dafür werde Fachpersonal benötigt, und um diese zu bekommen, sei es wichtig, in der Nähe einer Großstadt zu sein. „So kamen wir letztendlich auch auf Syke“, verrät Barbara Frerker.

Die dreizehn Jahre im Dienste von Löwenherz seien interessant gewesen, weil sich das Hospiz immer noch im Aufbau befinde. Der Aufbau des ambulanten Kinderhospizes 2006, die Gründung einer Stiftung im Februar 2008, der Aufbau eines Netzwerkes mit Niedersachsen und 2015 die Errichtung eines eigenen Dienstes in Braunschweig: „Ich habe in den 13 Jahren immer gebaut“, stellt Barbara Frerker fest.

Eine sehr lange Zeit, in der sie Frerker aber auch öfter kritischen Worten von außen stellen musste. Denn Löwenherz kann auch polarisieren, wird von einigen als rein kapitalistisches Unternehmen bezeichnet. Eine Kritik, die Barbara Frerker nicht verstehen kann. „Wir sind selbstverständlich ein Sozialunternehmen, aber wir müssen uns am Markt behaupten und solide Finanzen haben. Ohne Geld können wir nicht sozial arbeiten“, verdeutlicht sie. In Zahlen heißt das, jedes Jahr zwei Millionen an Spenden zu generieren, damit die Arbeit im Kinderhospiz überhaupt gemacht werden kann. „Das seriös zu verkaufen, war meine Aufgabe“, erzählt die scheidende Geschäftsführerin.

Gründe für den Wechsel seien unter anderem die Schicksale, die Barbara Frerker trotz ihrer Büro-Stelle mitbekommt, auch durch die Behinderungen ihres eigenen Sohnes. „Ich habe noch 20 Jahre bis zur Rente und frage mich, ob ich das bis dahin weitermachen oder noch mal etwas anderes machen möchte“, erzählt sie. Darum möchte Frerker auch zunächst eine dreimonatige „Reset-Phase“ einlegen, wie sie es nennt – um einfach mal herunterzukommen. Danach geht es für sie zurück in die freie Wirtschaft. Wohin möchte sie noch nicht verraten. „Ich möchte die Saison erst mal zu Ende spielen“, erklärt sie mit einem Vergleich aus dem Sport.

Vermissen wird Barbara Frerker vor allem ihre Kollegen und den Umgang untereinander. „Wir haben ein humorvolles Team. Dadurch entsteht eine positive und konstruktive Zusammenarbeit“, so Frerker. Doch gerade die gegenseitige Wertschätzung und die Kommunikation auf Augenhöhe möchte sie mit zu ihrer neuen Stelle nehmen.

Heute fährt Barbara Frerker nun zum letzten Mal ihren Computer beim Kinderhospiz Löwenherz herunter. Von da an wird Fanny Lanfermann, seit 2010 ihre bisherige Stellvertreterin, das Ruder als Geschäftsführerin übernehmen. Sie ist seit 2004 dabei und hat den Bereich Ehrenamt und ambulante Kinderhospizarbeit unter ihren Fittichen. In ihr hat Barbara Frerker eine gute Kapitänin für das Schiff Löwenherz gefunden. „Ich gebe ein gut laufendes Unternehmen mit hoch engagierten Mitarbeitern und Ehrenamtlichen sowie wunderbaren Stiftern ab“, so Frerker. Einen letzten Ratschlag für ihre Nachfolgerin gibt es obendrauf: „Gelassen bleiben. Aber das kann sie sowieso schon besser als ich“, gesteht Barbara Frerker und lacht.

„Ich möchte die Saison zu Ende spielen.“ Barbara Frerker