Im Wechselbad der Gefühle

Eigentlich wollte Siegfried Segger als Rentner sein rund 2000 Quadratmeter großes Grundstück in Fährhof hegen und pflegen, doch jetzt hat der 69-Jährige als ehrenamtlicher Kinderhospizbegleiter eine andere Berufung gefunden. (Björn Hake)

Quelle: Weser Kurier, 14.03.2017

Von: Lars Köppler

Siegfried Segger engagiert sich als ehrenamtlicher Kinderhospizbegleiter und betreut schwerkrankes Kleinkind

Sottrum. Wenn Siegfried Segger im Bewegungsbad des Syker Jugend- und Kinderhospiz Löwenherz mit dem kleinen Jungen im Arm planscht und ihn behutsam durch das Wasser führt, dann weiß er, dass er sich für eine sinnvolle und vor allem emotionale Freizeitbeschäftigung nach seinem Eintritt in den Ruhestand im Januar 2012 entschieden hat.

Vor zwei Jahren hat der 69-Jährige, der in Fährhof bei Sottrum lebt, an einer Schulung zum ehrenamtlichen Kinderhospizbegleiter teilgenommen und ist dabei auf Einsätze in Familien mit unheilbar erkrankten Kindern und Jugendlichen vorbereitet worden. Ein Bekannter hatte ihn auf diese Idee gebracht. Derzeit begleitet der Rentner eine Familie mit einem schwerstmehrfachbehinderten Zweijährigen, der unter einer globalen Entwicklungsstörung leidet. Seinen kleinen Schützling hat Siegfried Segger kennengelernt, als dieser gerade mal acht Monate alt war. „Ich bin von der Familie sofort wie ein Ersatzopa aufgenommen worden“, erinnert sich der Maschinenbauingenieur an die erste Begegnung mit dem Kleinkind und den Eltern, die auch nur etwas über 30 Jahre alt sind.

Die Chemie hat auf Anhieb gestimmt, sodass sich Siegfried Segger gleich um den Jungen kümmern konnte. „Die Eltern wollten unbedingt einen Mann für die Betreuung ihres Kindes haben“, erzählt Segger, der im Rahmen der 120 Stunden umfassenden Schulung auch mit Themen konfrontiert worden ist, die einem an die Nieren gehen. Denn Segger hat in dem Programm nicht nur gelernt, wie Menschen in Krisensituationen reagieren und welche Auswirkungen unterschiedliche Krankheitsbilder haben, sondern er hat auch Einblicke in den Umgang mit Sterben, Tod und Trauer erhalten.

Segger ist mittlerweile einer von derzeit 52 geschulten Ehrenamtlichen des Bremer Dienstes von Löwenherz. Die Begleiter fahren einmal pro Woche für einige Stunden zu den Familien und kümmern sich um das erkrankte Kind und die gesunden Geschwister. Sie entlasten die Eltern und haben auch für die anderen Familienmitglieder ein offenes Ohr. Eine Aufgabe, die Segger gar nicht mehr missen möchte. „Es ist spannend und zugleich herausfordernd“, sagt Siegfried Segger. Auch von seinem persönlichen Umfeld wird der Kinderhospizbegleiter, der selbst zwei Kinder und drei Enkelkinder hat, in seinem Tun bestärkt. „Viele meiner Freunde haben eine große Hochachtung vor dieser Thematik und meiner ehrenamtlichen Arbeit“, weiß er zu berichten.

Auf das Wiedersehen mit seinem kleinen Freund fiebert der Sottrumer regelrecht hin. Er weiß, dass der Junge mit seiner Hör-, Trink- und Schluckschwäche sich kaum ausdrücken kann, doch eine gewisse Art des Zusammenspiels funktioniert trotzdem. „Ich habe lernen müssen, dass es auch eine andere Beziehungsebene gibt. Manchmal sehe ich es nur an den Augen, wenn der Junge sich freut“, erklärt Siegfried Segger. Es ist auch eine Arbeit im Wechselbad der Gefühle, denn trotz der vielen Glücksmomente weiß Siegfried Segger auch, dass es ein Abschied auf Raten ist von dem süßen Lockenkopf, der schon länger lebt, als es die Ärzte prophezeit haben. Zudem haben ihm die Eltern mitgeteilt, dass die Familie zum Ende dieses Monats nach Schleswig-Holstein umziehen wird.

Für Siegfried Segger ist dies aber kein Grund, die ehrenamtliche Tätigkeit als Kinderhospizbegleiter aufzugeben. Im Gegenteil: „Ich bedauere sehr, dass sich zu wenige Männer in diesem Bereich engagieren. Dabei brauchen vor allem die Jungs einen männlichen Ansprechpartner – und sei es nur zum gemeinsamen Musikhören oder Computerspielen“, appelliert Segger.

Ambulanter Kinderhospizdienst Bremen und umzu Familien mit unheilbar kranken Kindern sind in ihrem Alltag oft am Rande ihrer Kräfte. Sie versorgen das kranke Kind rund um die Uhr, ein normaler Tagesablauf ist nicht mehr möglich. Auch nachts werden sie oft geweckt, um ihr Kind zu versorgen. Familien und Ehrenamtliche haben daher gleichermaßen die Möglichkeit, sich in die Arbeit des ambulanten Kinderhospizdienstes mit Sitz an der Elsasser Straße in Bremen einzubringen. Familien können im Büro anrufen und mit der Koordinatorin einen Beratungstermin vereinbaren. Ehrenamtliche können an Schulungen teilnehmen, um die Familien zu begleiten und zu unterstützen. Ein neuer Schulungskursus für künftige Kinderhospizbegleiter beginnt nach den Sommerferien im August. Für eine bessere Planung des Infoabends wird um Anmeldung per Telefon unter 0 42 1 / 8 41 31 55 oder per E-Mail an ambulant(at)loewenherz.de gebeten.