„Es gibt viel zu leben, bevor man stirbt“

Der Tod beendet das Leben, nicht aber die Liebe: Annette Behnken berichtet beim Jahresempfang von Löwenherz über das Leben mit ihrer todkranken Tochter. © Jantje Ehlers

Quelle:  Kreiszeitung, 15.01.2017

Syke - Von Anke Seidel. 20. September 2003. Die Löwenherzen feiern ihr buntes Fest zur Einweihung des Kinderhospizes in Syke. Unter den Gästen: Annette Behnken, heute Pastorin in Wennigsen und vielen Menschen als Fernsehpastorin beim „Wort zum Sonntag“ bekannt. „Ich wusste damals nicht, dass ich ein Jahr später wiederkommen würde – als betroffene Mutter“, so die 48-Jährige gestern beim Jahresempfang im Jugendhospiz Löwenherz. Was es heißt, Mutter eines todkranken Kindes zu sein, brachte sie rund 70 Gästen nahe – in einem Vortrag mit Tiefgang.

Ihre Tochter ist seit elf Jahren tot. Drei Jahre alt ist sie geworden. „Was es bedeutet, von seinem eigenen Kind an die Grenze des Lebens geführt zu werden – da reichen unsere Worte nicht“, so die 48-Jährige, die noch zwei andere Töchter hat. Von ihrem Mann ist sie geschieden. Dass eine Ehe nach dem Tod des Kindes zerbricht, das erleben die Mitarbeiter von Löwenherz viel zu oft.

„Der Glaube ist mir nach dem Tod meiner Tochter komplett verloren gegangen“, gestand die Geistliche. Mittlerweile habe sie alles „so gut es geht“ verarbeitet, der Glaube sei Stück für Stück wieder gewachsen. Die Seelsorge im Kinderhospiz habe sie als etwas sehr Úmfassendes erlebt: „Als ganz Wichtiges, Heilsames und Gutes.“ Dabei gehe es ganz stark um Wahrhaftigkeit – und um das Kraftschöpfen: „Durchschlafen dürfen. Nicht das Sekret absaugen müssen ... ohne schlechtes Gewissen“, schilderte Annette Behnken ihre Empfindungen – und vor allem das Gefühl: „Sie tun meiner Tochter wohl.“ Denn ihre Persönlichkeit, ihre Eigenarten und Bedürfnisse wurden von den Mitarbeitern im Kinderhospiz voll akzeptiert: „Es wird massiert, gesnoozelt und gebadet, in Düfte und Farben gehüllt.“ Nach ein paar Tagen Aufenthalt im Kinderhospiz habe sie als Mutter wieder Kraft geschöpft – und ihre Gefühle wieder gespürt: „Ich konnte wieder weinen.“ Das Leben mit einem schwerstbehinderten Kind beschreibt sie so: „Der Alltag ist Dauerkrise – die Dauerkrise ist Alltag.“ Alltag sei „dieser ständige Schlafmangel, der einen fertig macht. Die Sorge um das Kind und diese ständige Konfrontation mit der begrenzten Lebensperspektive. Das muss man erstmal aushalten!“ Sie erlebe, dass sich viele Familien nach einem Aufenthalt im Kinderhospiz körperlich und seelisch gestärkt fühlen – auch befreit. „Es gibt viel zu leben, bevor man stirbt“, zitierte die Pastorin Sister Frances Dominica, die Begründerin des weltweit ersten Kinderhospizes.

„Im Kinderhospiz finden Eltern Raum und Zeit, um Abschied zu nehmen“

„Wenn ein Kind gestorben ist, finden Eltern im Kinderhospiz Raum und Zeit, um Abschied zu nehmen“, so Annette Behnken. Angehörige könnten ihren Gefühlen und Impulsen nachgehen – was heilsam sei. Seelsorger müssten solidarische Begleiter sein, wünschte sich die 48-Jährige. Begleiter, „die mit aushalten, was schier unaushaltbar ist.“ Die Hilflosigkeit mit den Betroffenen zu teilen, das sei vielleicht die größte Hilfe. Denn der Tod beende zwar das Leben – aber nicht die Liebe.

In den eigenen Gefühlen anzukommen, sei in der Trauer sehr wichtig. „Rituale geben den Gefühlen Struktur. Sie ordnen das Chaos“, so die

48-Jährige, die in leisen Worten den Abschied von ihrem Kind schilderte – und ihre Zuhörer bis zu den letzten Worten ihres fast eineinhalbstündigen Vortrags in ihren Bann zog.

Deshalb änderte Kinderhospiz-Leiterin Gaby Letzing das Programm und verzichtete auf einen Bericht über die ambulante Kinderhospizarbeit. Einfühlsam auch die Flötenklänge der Kulturpreisträgerin Carin Levine.

Das Engagement ausdrücklich aller Mitarbeiter von Löwenherz, der Ehrenamtlichen und der Spender hatte zuvor Reinhard Rab als stellvertretender Vorstandsvorsitzender gewürdigt.