Besonderer Besuch im Klassenzimmer

Klassenlehrerin Nina Klaaßen (hinten) und die Schüler der vierten Klasse überreichen Agnes Behrens (rechts) vom Kinderhospiz Löwenherz in Syke ihre Spende. Bild: Wolfgang Alexander Meyer

Quelle:  Nordwest-Zeitung, 30.01.2017

von Wolfgang Alexander Meyer

Von Behrens hat die Klasse viel über den Alltag in der Einrichtung bei Bremen erfahren. Besonders rührend war eine Geschichte über eine echte Heldin.

KAMPE - Es ist ein sehr offenes und ehrliches Gespräch, das an diesem Morgen in der vierten Klasse der Grundschule Kampe geführt wird. Auf der einen Seite sitzen Viertklässler an ihren Tischen, ihnen gegenüber befindet sich Agnes Behrens vom Kinderhospiz Löwenherz in Syke. Thema der Unterhaltung ist die Arbeit im Kinderhospiz, der Alltag dort und auch der Tod.

Kein richtiges Thema für Grundschüler sollte man meinen – zu schwierig, zu abstrakt und bedrückend für die Kinder. Doch schon zu Beginn der Stunde merkt man, dass die Kinder bereits viel wissen und interessiert daran sind, mehr zu erfahren.

Was genau in dem Hospiz passiert ist die erste Frage, die geklärt werden muss. „Das Wort ,Hospiz’ bedeutet Herberge – und das kommt dem Kinderhospiz Löwenherz sehr nahe“ erklärt Behrens, die früher Sonderschullehrerin war und ehrenamtlich im ambulanten Dienst für das Hospiz arbeitet.

„In der Regel kommen schwer kranke Kinder für acht bis zehn Tage zu uns. Oft werden sie von ihren Geschwistern begleitet“, beschreibt sie weiter. In der Zeit hätten die Eltern Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern oder in Urlaub zu fahren. Das sei wichtig, weil die Versorgung eines schwer kranken oder behinderten Kindes viel Zeit und Mühe in Anspruch nehme. „Wer ein solches Kind pflegt, kann zum Beispiel fast nie durchschlafen, muss immer bereit sein, zu helfen und nachts oft mehrmals hoch.“

„Sterben da auch Kinder?“ lautet die nächste Frage. „Kinder dürfen im Hospiz sterben, das kommt aber nicht sehr oft vor“, antwortet Agnes Behrens.

„Und was passiert dann?“, geht die Fragerunde weiter. „Wir legen einen Stein mit dem Namen des Kindes in den Hospizgarten. Eltern, die sich im Hospiz aufhalten, schreiben Wünsche für das Kind auf Zettel, die in einen Luftballon kommen, der dann in den Himmel steigt.“

„Ist es schwer, in einem Hospiz zu arbeiten?“ wollen die Schüler wissen. „Es ist nicht schwer im Sinne von anstrengend. Ich mache das gern, weil die Stimmung bei uns immer fröhlich ist. Wir spielen viel, ich lese oft vor oder wir knuddeln. Trotzdem gibt es viele Menschen, die die Arbeit nicht aushalten.

„Warum nicht?“ wirft eines der Kinder ein. „Weil die Einzelfälle einen sehr traurig machen können. Eine Familie hat zum Beispiel einen Sohn, der eine Erbkrankheit hat und daran sterben wird. Das Paar hat auch noch Zwillinge bekommen, die an der gleichen Erbkrankheit sterben werden. Diese Mutter wird alle Kinder verlieren, das ist extrem traurig. Trotzdem ist die Mutter immer fröhlich, weil sie die Zeit, die sie mit ihren Kindern hat, genießen will – für mich ist sie eine echte Heldin.“

Es ist mucksmäuschenstill im Klassenraum, man kann den Kindern ansehen, dass die Geschichte sie berührt hat. Viele weitere Fragen werden noch im Laufe des Gesprächs gestellt und geklärt.

„Das Hospiz-Thema bewegt die Schüler schon seit einiger Zeit, weil einige von ihnen ein Kind kennen, das in dem Hospiz in Syke war“, berichtet Klassenlehrerin Nina Klaaßen, die den Besuch arrangiert und thematisch vorbereitet hat. Die Schüler hätten dank der Expertin jetzt ein genaues Bild vom Hospiz. „Das Thema ist rund.“

Am Ende der Stunde bedanken sich die Schüler bei Agnes Behrens und überreichen ihr 750 Euro für das Hospiz, die sie im Rahmen ihrer Vorlesewoche gesammelt haben.