Lebendig, praxisnah, inspirierend

Quelle: Weser Kurier, 08.02.2019

von Dominik Albrecht

Beim Pflege-Info-Tag des Syker Kinder- und Jugendhospizes Löwenherz geht es vornehmlich um aktuelle Pflegethemen und die Arbeit mit erkrankten Kindern und Jugendliche. Prominenter Gast: Autorin Ayse Bosse.

Syke. Aktuelle Pflegethemen und die Arbeit mit erkrankten Kindern und Jugendlichen standen beim dritten Pflege-Info-Tag im Syker Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz im Fokus. Das Event richtet sich laut Geschäftsführerin Gaby Letzing an alle Menschen, die entweder in der Pflege arbeiten oder in pflegenahen Fachbereichen oder eine Ausbildung dort machen möchten. „Und das mit einem offenen Tag, sodass sich jeder die Räumlichkeiten anschauen kann.“

Anhand von Vorträgen wurden der Pflege-Alltag im Kinderhospiz vorgestellt, mittels Workshop ein Einblick in die Aromatherapie gewährt. Rund 80 Teilnehmer aus der Trauerbegleitung haben sich die Ehre gegeben, geschätzt 100 Besucher haben sich von dem Programm angesprochen gefühlt. Mit diesem Tag wolle man die Hemmschwelle zum Kinderhospiz senken. „Und es geht natürlich auch um Akquise. Wir haben seit Jahren Bedarf nach Pflegern“, gab Gaby Letzing zu. Sie war mit der Resonanz schon früh am Tag zufrieden: „Das motiviert uns, auf alle Fälle im kommenden Jahr wieder einen Pflege-Info-Tag anzubieten.“

„Lebendig, praxisnah und sehr inspirierend“, sollte Gaby Letzing später noch den Vortrag von Ayse Bosse finden. Die Schauspielerin, Autorin und Trauerbegleiterin stellte ihre beiden Bücher „Weil du mir so fehlst“ und „So weit weg“ vor. Die beiden literarischen Trauerbegleiter für Kinder beziehungsweise Jugendliche geben auf altersgerechte Art Möglichkeiten zur Trauerbewältigung. Dabei sollen nicht nur Ausmalbilder, sondern auch aufmunternde Zitate und kreative Ideen wie Schatzkisten oder Einmachgläsern mit Erinnerungsstücken des Verstorbenen Helfen. Oder auch ein Rezept für „Tröste-Duft“ aus ätherischen Ölen, das eine Kollegin von Bosse für das Buch bereitgestellt hat.
 
„Ich habe das mal für eine Lesung selber gemischt und den Fehler gemacht, viel zu hochprozentigen Alkohol zu benutzen. Wir sind fast alle aus den Latschen gekippt und mussten alle Fenster öffnen“, verriet Ayse Bosse und sorgte für großes Gelächter. Mit derlei Anekdoten sorgte sie immer wieder dafür, dass die Stimmung im Kinderhospiz nie zu schwer wurde. So regte auch eine Geschichte über eine Gruppe Jugendlicher zum Schmunzeln an. Am Ende ihrer Workshops lädt Ayse Bosse, so erzählte sie, Kinder und Eltern dazu ein, Zettel mit Botschaften für Verstorbene in ein Lagerfeuer zu werfen. „Einmal hat mich eine Gruppe Halbstarker gefragt, ob sie es auspinkeln dürfen. Ich habe es ihnen erlaubt, wenn sie das nachher auch sauber machen – dann wollten sie doch nicht.“

Vor ihrem Autoren-Dasein war Ayse Bosse als Schauspielerin tätig. „Die Arbeit hat mich aber zu dem Zeitpunkt auch sehr genervt, weil sie sehr Ego-behaftet ist“, gab sie zu. Darum suchte sie eine neue Berufung, engagierte sich zwei Jahre ehrenamtlich in einem Kinderhospiz in Hamburg. „Da hatte ich viel mit Geschwistern von Kindern zu tun, die lebensverkürzt erkrankt waren, hat mir die Pflegedienstleiterin ans Herz gelegt, die Ausbildung zur Trauerbegleiterin zu machen – was ich auch gemacht habe“, erzählte Bosse. Da Ayse Bosse ohnehin die Erfahrung gemacht hat, dass Trauerbegleiter oft persönliche Erfahrungen in dem Gebiet gemacht haben, fühlte sie sich angesprochen. „Ich habe selber einige Erfahrungen gemacht. Und ich komme aus einer Familie, in der viel mit Menschen gearbeitet wurde“, führt sie weiter aus. So sei ihr Vater Unfallchirurg, ihre Mutter Erzieherin gewesen.

Die Arbeiten an ihren Büchern begann Ayse Bosse, nachdem ihr Vater verstarb. „Da war meine Tochter sieben“, erzählte sie und verriet, dass die Bücher daher aus der „eigenen Not“ entstanden sind. Die Entstehung der Bücher sei emotional aber auch wunderschön gewesen. „Das macht sicherlich auch etwas mit einem. Momentan schreibe ich an meinem ersten Kinderroman und der ist total lustig. Das brauche ich aber auch nach vier Jahren Trauerthema als Ausgleich“, gibt Ayse Bosse zu.

Am Freitag ging es bei ihrem Werk „Einfach so weg“ aber noch um den Umgang Jugendlicher mit dem Thema Tod. Beispielsweise mit einem Mix aus Songtexten und Zeichnungen im Graphic-Novel-Stil. Viele Menschen haben Ayse Bosse bestätigt, dass Musik zur Trauerbewältigung sehr wichtig ist. „Musik hilft, Tränen hervorzuholen, die nicht laufen wollen. Musik ist gut, um sich abzureagieren oder Stimmung aufzuhellen“, zählte Ayse Bosse. Dabei verwies sie auch auf ihre Ehe mit dem Musiker Aki Bosse, der für die Bücher Songtexte schrieb. Die Geschichten zu den genutzten Liedern wie „Somewhere Over The Rainbow“ oder „Brave For You“ nehmen dabei einen anderen Verlauf, als man gemeinhin annehmen würde. „Am Anfang der Geschichte sitzt ein Mädchen traurig in ihrem Zimmer und greift zur Gitarre. Bevor man umblättert, denkt man, sie beginnt zu singen“, erzählte Ayse Bosse. Dem war aber ganz und gar nicht so, wie die begleitende Präsentation verriet. Denn nur eine Seite später zerschellte das Instrument mit mehreren Schlägen auf dem Fußboden. Wut – nur eine von fünf Emotionen, die auf diese Weise angesprochen werden sollen. Auf diese Weise wurden auch der Angst, dem Vermissen, der Einsamkeit und dem Mut Kapitel gewidmet. Ayse Bosse betonte bei ihrem Vortrag auch, dass es den Leitern von Trauergruppen explizit erlaubt ist, einzelne Seiten der Bücher zu kopieren und für die tägliche Arbeit im Hospiz zu nutzen. „Das habe ich extra mit meinem Verlag besprochen“, versicherte sie.

Von ihrem Besuch beim Syker Löwenherz nimmt Ayse Bosse viele gute Eindrücke mit. Sie sprach allen Mitarbeitern vor Ort ihren Respekt für ihr Tun aus. „Ich fand alle Teilnehmer extrem warm und offen für das Thema. Viele haben sich bedankt, das hat mir super gefallen.“